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Clemens Bittlinger - ''Fingerspitzengefühle''Clemens Bittlinger
"Fingerspitzengefühle"


   ( 2004 Sanna Sound / Kreuz Verlag )

Das Wort "Fingerspitzengefühle" gibt es im Plural eigentlich gar nicht in der deutschen Sprache. Clemens Bittlinger hat diese Mehrzahl für sein neues Album "kreiert", um damit sein inhaltliches Anliegen zu konkretisieren. Schon immer hatte er ein Faible für solche Gemeinschafts-Lieder, die das manchmal belastete, zwischenmenschliche Verhältnis thematisieren. Bittlinger tritt dabei für einen liebevollen, menschlichen Umgang im alltäglichen Leben ein, der dem Zusammenleben förderlich ist. Übrigens: Der im Odenwald heimische Pfarrer, Kolumnist, Buchautor, Moderator und Initiator der ZDF-Bistro- und Kleinkunstgottesdienste steht bereits seit 23 Jahren als Musiker auf der Bühne und gibt jedes Jahr über 100 Konzerte bundesweit.

Nach drei Jahren liegt nun nach "hellhörig" endlich sein neues Studio-Soloalbum vor. Es beinhaltet dreizehn deutschsprachige Lieder und einen englischsprachigen Song. Produziert wurden die meisten von Clemens' langjährigem Weggefährten, dem Eidgenossen David Plüss. Durch dessen behutsame Art mit viel Fingerspitzengefühl (!) und populäres Keyboard- bzw. Klavierspiel hat er die Stücke wieder exzellent-passend in Szene gesetzt. Unterstützt wird er vom Percussionisten Helmut Kandert, an der Gitarre von Klaus Bittner, an Mandoline und Ukulele von Adax Dörsam, an Flöte und Cello von Luca Genta sowie von Ralf Guste am Schlagzeug. Als besonderes Schmankerl hört man sogar eine Bläsersektion! Außerdem tritt gleich eine Gastschar im Backgroundgesang auf, unter anderem mit Ebi Rink, Ingo Beckmann, und Chris Hess.

Das Stück "kostbare Momente" (# 2) hat der Künstler als "Trio" mit Hartmut Engler von PUR und Michael Janz von Beatbetrieb eingesungen. Es ist die erste Radioauskopplung dieser Platte und konnte bereits beachtliche Erfolge in Funk und Fernsehen erzielen (im Genre Deutsch-Pop, Schlager usw.). Ganz klar, es ist ein typischer Popsong, Marke Dieter Falk, denn dieser produzierte ihn und hat gleich seine Keyboard-Armada mit eingestöpselt... Das war jetzt ein Wink mit dem Zaunspfahl, denn 80er-Jahre-Pop ist erneut "in" geworden und darf seinen Einfluß in Arrangements teilweise wieder ausüben.

Ebi Rink hat übrigens auch zwei Lieder, "die Eisprinzessin" (# 7; im Original von Die RINKs) und das starke "eigentlich" (# 10), produziert! Ingesamt bietet das Werk gediegenen, gefühlvollen Liedermacher-Pop. Es gibt keine Experimente, alles bleibt im bewährten Terrain. Etwas aus dem Rahmen fällt auf dieser deutschsprachigen CD höchstens der Track "rainbowfun" (# 9). Doch dieses Lied ist eine sehr positive Erscheinung, als "Auflockerungspause". Clemens schreibt im Beiheft, daß es nur ein Spaßlied ist und keine tiefere Bedeutung hat. Jedoch von dieser Unbeschwertheit und Lebensfreunde kann sich mancher Kollege gerne noch mal was abschauen!

Viele der Liedtexte regen, wie oben gesagt, zu einem menschlicheren Miteinander an, wie etwa das Eingangslied "du hast es, ich hab es" und der abschließende Titelsong - die man daher auch als den inhaltlichen Rahmen dieses Albums betrachten kann. Dazwischen kann man, wie bei einem Puzzlespiel, verschiedene Teile betrachten. Herr Bittlinger textete über seine Ehe (# 3), über den deutschen Sicherheitswahn und die Ängstlichkeit der Menschen (# 4), über Lebenssorgen (# 8), Vorderhaus-Fassaden und deren Hinterhäuser (# 11) und über den verborgenen Teil unseres Lebens (# 12). Lieder zur Ent-Spannung sind "langsam durch die schnelle Zeit" (# 13) und die erwähnte Radiosingle "kostbare Momente": Ausgebranntsein ist nämlich ein brisantes Thema heutzutage! Dem Liedermacher gelingt es in diesen aufgeführten Titeln sehr gut, seine interessanten Lebens-Beobachtungen in lesens-, hörens- und nachdenkenswerte Verse zu verpacken. Durch die meist verwendeten Reime bleibt alles besser hängen und das Mitsingen macht ebenfalls Spaß. Während er selbst seine Musik als "moderne Glaubensäußerungen, die mir selbst und anderen Mut und Trost verschaffen wollen" bezeichnet, konnte ich diese "Glaubensäußerungen" nicht immer so ausmachen (obschon den Rest deutlich!). Zwar weist er in den Liedtexten und seinen zusätzlichen Kommentaren auf Gott und die Bibel hin, aber dies hätte ruhig noch prägnanter und deutlicher ausfallen können, finde ich.

Wie dem auch sei, ein Liedtext samt zugehörigen Kommentar des Interpreten ist eine klare und unmißverständliche Äußerung und genau diese hat mich überrascht. Es handelt sich um das Stück "Hiob" (# 5). Hier wagt er es doch tatsächlich, das persönliche Gott-zugelassene Leiden von Hiob mit dem weltweiten Terrorismus sowie verschiedenen Seuchenkrankheiten zu verbinden bzw. zu vergleichen. Das klingt für mich sehr gewagt und unbegreiflich. Es gipfelt in der Aussage: »Den internationalen Terrorismus, aber auch den arroganten amerikanisch-westlichen Öl-Dumm-Terror sowie die neu entstehenden Seuchen, halte ich für die eigentlichen Bedrohungen für die Menschheit.« Jedem seine Meinung und jedem seine Amerika-Kritik. Doch wie kann man internationalen Terrorismus mit ganzen Regierungen und Staaten auf eine Stufe stellen und noch dazu europäische Mächte mit der USA gleichsetzen? Und amerikanische Politik mit Öl-Politik gleichzusetzen, zeugt ebenfalls von politischem Unverstand und fehlender Sachkenntnis, die ich als Politikwissenschaftler und Historiker leider unterstellen muß! Ist es nicht gerade eine Gefahr, solche unreflektierten, klischeehaften Äußerungen (Spiegel, WDR, ARD & Co. bringen das besser...) auf einer massenhaft verbreiteten CD zu veröffentlichen? Und ist es nicht auch gefährlich, wenn gerade Pfarrer auf diese Art recht einseitig politisieren? - Schade, das Lied selbst hat durchaus berechtigte Anklagen an menschlichen Haß und Zukunftsverdrängung vertont, aber mußte es auf diese Art gemacht werden?

Fazit: Trotz diesem einen "Ausrutscher" finde ich es alles in allem eine schöne CD mit einigen tollen Hits, aber auch typischen Liedermacherqualitäten wie Beobachtungsgabe und nachdenklichen Texten. "Fingerspitzengefühle", das sind handwerklich gut produzierte Lieder, mal augenzwinkernd, mal bestätigend, mal herausfordernd, aber immer typisch "Bittlinger"!


—David Decker für CCM-Rezis, September 2004

Daten: 14 Titel / 57 Min.
Musikstil: Liedermacher-Pop
Label(s): 2004 Sanna Sound Musikverlag, Groß-Bieberau / Kreuz Verlag,
               Stuttgart
Website: http://www.clemens-bittlinger.de

weitere CDs - siehe Clemens Bittlinger-Künstlerseite >>
 


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