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 Calmus
Ensemble Leipzig
"carmina fati"

( 2004 querstand / 'Plattenläden';
online )
Das Calmus Ensemble aus Leipzig besteht seit 1999 und
entstand durch einen Zusammenschluß von fünf ehemligen Mitgliedern
des weltberühmten Leipziger Thomanerchores. Anfang 2001 stieß
noch eine Sopranistin hinzu. Mit dieser einzigartigen Mischung gilt die
Formation inzwischen als was ganz Besonderes und außerdem eröffnet
diese Stimmenverteilung ganz neue Möglichkeiten sowie Eindrücke.
Calmus gastiert regelmäßig in allen Teilen Deutschlands und
kann darüber hinaus bereits auf Konzertreisen in Europa sowie in
die USA verweisen.

"Carmina fati" (dt.: "Gesänge des Schicksals")
heißt bereits ihre dritte Produktion. Diese kommt niveauvoll daher:
im komfortablen Pappschuber inklusive dickem und mehrsprachigem Booklet.
Aufgenommen wurde der Opus im April und Mai 2004 in der Lutherkirche in
Leipzig (siehe Bilder im Beiheft). Mit Stücken aus dem frühen
Mittelalter bis aus dem 21. Jahrhundert spannt das Ensemble einen sehr
großen zeitlichen Rahmen. Wo gibt es eine größere Bandbreite,
ohne das "rote Faden" verloren geht? Calmus bewältigt die
Herausforderung nahezu spielend. Eben jenen roten Faden der CD bildet
die seit Jahrhunderten unveränderte Form des lateinischen Ordinarium
Missae, bestehend aus Kyrie - Gloria - Credo - Sanctus - Agnus Dei. Mit
der Zusammenführung musikalischer Werke des Frühmittelalters,
der Renaissance, der Romantik sowie des 20. und 21. Jahrhunderts verschmilzt
alles zu einem großen Ganzen, der mit dem Titel des Werkes zum Ausdruck
gebracht wird.

Ihre erste Einspielung auf CD findet hier die 1989 von Manfred Schlenker
komponierte Bonhoeffer-Motette - ebenfalls Ersteinspielungen sind neben
der Kyrie-Vertonung des Ensemblemitglieds Ludwig Böhme die beiden
Auftragskompositionen: der "Gesang der Geister über den Wassern"
von Siegfried Thiele und das "Madrigal II" von Olav Kröger.
Ihnen liegen keine geistlichen, sondern eher geistige Texte zugrunde.
Auf eine Trennlinie zwischen "religiösen" und "weltlichen"
Inhalten haben die Künstler bewußt verzichtet.

Die Klänge dieser CD lassen sich am ehesten mit Gregorianik oder
moderner geistlicher Vokalmusik umschreiben. Aufnahme- und Klangqualität
sind bei dieser Produktion hervorragend. Beeindruckend ist dabei das stimmliche
Volumen und die Klarheit des Sextetts, welches mühelos das Niveau
ansonsten viel größerer (Mönchs-) Chöre erreicht.
Der mehrstimmige Wechselgesang mit der Frauenstimme im Vordergrund ist
ein akustischer Hochgenuß - nicht nur für Freunde des klassischen
Gesangs! Die getragene Stimmung der meisten Stücke erinnert an geistlich-liturgische
Musik. Durch die "hohe Ordnung" in den Liedern muß man
sich zwangsläufig mit deren Inhalten auseinandersetzen.

Das erwähnte Booklet ist auf 44 Seiten komplett deutsch- und englischsprachig.
Zum Werk insgesamt gibt es zwei einführende Abhandlungen, wichtige
moderne Stücke werden direkt von den Komponisten vorgestellt, zudem
wird das Ensemble kurz eingeführt. Daran schließen sich alle
Gesangstexte an, die immer deutsch-englisch aufgeführt sind und je
nach Original natürlich auch den lateinischen Text mit aufweisen.

Inhaltlich erfordert das vorliegende Kunstwerk eine aufmerksame Auseinandersetzung,
denn es ist vor allem dies: anspruchsvolle Kunst. Die Verbindung von gregorianischen
Einflüssen mit Bonhoeffer und darüber hinaus anderen geistigen
Texten erscheint mir in dieser Form einmalig. Auch wenn die sechs Künstler
selbst keine Christen sein mögen, so steht doch "ihr" Statement
wirkungsmächtig im Raum: Gotteslob, Glaubensbekenntnis, Gebet. Der
"Gesang der Geister über den Wassern "ist eine Vertonung
einer Dichtung von Johann Wolfgang von Goethe und setzt mit der Sinnsuche
an. Es wird deutlich, den Menschen treibt etwas um, was wir heute vielleicht
mit der innewohnenden Sehnsucht nach Gott oder der Ewigkeit bezeichnen
würden. In gewisser surrealistischer Ausprägung wird die Goethe-Vertonung
mit dem Stück "Madrigal II" fortgesetzt. Eine zwar in sich
geschlossene, aber dennoch zu den anderen "Säulen" passende
Perspektive setzt die Bonhoeffer-Mottete. Diese wiederum besteht aus der
Verquickung der Choralmotette "von guten Mächten" mit der
Spruchmotette "Stationen auf dem Wege zur Freiheit", jeweils
nach Texten von Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb das Gedicht "Stationen
auf dem Wege zur Freiheit" am Abend des 21. Juli 1944 uin einer Zelle
des Militärgefängnises Berlin-Tegel, nachdem er die Nachricht
vom Fehlschlag des Attentates auf Adolf Hitler am 20. Juli erhalten hatte.
"Von guten Mächten" schrieb er zum Jahresende 1944; es
ist dank seiner Innigkeit und Allgemeingültigkeit von zeitloser Bedeutung.
Bonhoeffers beide Texte sind in einer Situation entstanden, die sich immer
weiter verschärfte, zur Todesbedrohung wurde. Anhand der weltbekannten
Verse des deutschen Theologen wird die ganze Dramatik des Spannungsfeldes
Leben-Tod und Gott-Mensch deutlich. Dennoch ist ihr Fazit die tiefe, jenseits
des menschlichen Verstandes gegründete, Geborgenheit in Gott. Bonhoeffer
kann den Hörer noch heute Fesseln, denn seine Hoffnung und seine
Treue im Glauben reichen bis in unsere Zeit. Der Ausblick "zur ewigen
Freiheit" macht deutlich, daß die Ewigkeit für einen Christen
bereits auf Erden beginnt.

Fazit: Einigartige Gesangsharmonien von sechs herausragenden Vokalisten
begeistern auf diesem Silberling, der mit Anspruch und Professionalität
beeindruckt. Inhaltlich wird hier substanzreiche Kost geboten zwischen
geistlicher und geistiger Hochdichtung. Dieses Album kann ich jedem Liebhaber
echter Kunst nur empfehlen, Freunde von gregorianischen bzw. klassischen
Gesängen werden besondere Freude daran haben!
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