|
 Casting
Crowns
"the altar and the door"

( 2007 Provident / Gerth
Medien )
»Musik ist nicht die Hauptsache.
Die Musik ist unser Vorwand, um über die Hauptsache zu reden. Es
ist der Teller, auf dem das Fleisch serviert wird. Und ich möchte
nie so weit kommen, dass der Teller wichtiger als die Mahlzeit wird.«
(Mark Hall)
Formelhafte Rock-Klänge und Mark Halls Mahnfinger

Um's gleich vorwegzunehmen: Das dritte Studioalbum von Casting
Crowns ist nicht schlecht geraten, aber es lässt einige Wünsche
offen, erfüllt Erwartungen nicht, die die 7-köpfige Band mit
ihrem raketenhaften Aufstieg geweckt hat. Über weite Strecken ertönt
formelhafter Gitarren-Pop-Rock mit viel Druck. Man spürt zwar, dass
neue musikalische Wege, Abwechslung und Dynamik gesucht wurden, aber die
Ansätze zum Besonderen bleiben oft in einer Rohfassung stecken oder
werden durch zu viel Wiederholung ausgereizt. Vorhersehbar drehen die
Songs nach einem sanfteren Einstieg auf, von Schlagzeug und Bass straff
angetrieben, dann wird x-fach wiederholt. Auch die Refrains sind nicht
mehr so melodiös und mitreissend wie auch schon.

Geblieben sind jedoch die griffigen Botschaften, die sich besonders an
junge Gemeindegänger richten und einmal mehr zu einem glaubwürdigen
Wandel aufrufen. "What This World Needs" erhebt den Mahnfinger
gegen eine Kirche, die sich selbst statt Jesus in den Mittelpunkt stellt.
Der rockige Opener ist clever gereimt, klingt mir aber zu aggressiv. Das
eindringliche "Slow Fade" redet nicht um den heissen Brei herum:
»Es ist ein langsames Schwächerwerden, wenn Schwarz und
Weiss zu Grau geworden sind. Gedanken dringen ein, Entscheidungen werden
getroffen, ein Preis muss bezahlt werden, wenn du dich gehen lässt.
Man geht nie an einem einzigen Tag zugrunde.« Anspielend auf
Psalm 1 und das Kinderlied "Pass auf, kleines Auge" warnt der
Sänger mit der kräftig-rauen Stimme – der in seinen Liedern noch
nie graugemalt hat – vor den kleinen Kompromissen. Sein Wortschatz könnte
hier allerdings an Teens vorbeizielen ("little eyes", "little
feet", "daddies" ...).

Auslöser für das Albumthema war ein Besuch Mark Halls auf MySpace-Seiten
befreundeter Jugendlicher. Die Kluft zwischen ihrem Sonntagsgesicht und
ihrem Umgang unter der Woche machte ihn betroffen. Was in einer Gemeindestunde
vor Gott gelobt wird (dafür steht der "Altar"), geht auf
dem Weg zur Tür, im Alltag offenbar schnell vergessen. Was eben noch
glasklar war, verschwimmt plötzlich. »Dein Reich komme,
aber mein Wille ist geschehen...«, heisst es pointiert in "The
Altar And The Door", einem Bekenntnis-Song mit coolem Rhythmus und
markanten Oktavsprüngen. In einen weichen Klavier-Violinen-Fluss
getaucht, beschreibt "Somewhere In The Middle" dieses Schweben
oder Steckenbleiben zwischen dem, wohin uns Gottes Wort zieht, und dem,
wie wir tatsächlich leben. Den perfekten Christen gibt es jedoch
nicht; bis zu Jesu Wiederkunft werden Inneres und Äusseres unvollkommen
bleiben. Umso befreiender ist es, Gottes Gnade zu begreifen, wie es die
gefühlvolle Powerballade "East To West" versucht.

Casting Crowns' 4:30-Minuten-Predigten streifen verschiedene Glaubensbereiche:
von Gottes-Erkenntnis (hymnisch-melodiös: "The Word Is Alive"),
Busse und Vergebung über Wachstum, Gebet (zartes halbakustisches
Duett: "Prayer For A Friend") und Anbetung ("All Because
of Jesus") bis Mission (klischiert: "Every Man"). Es erklingen
auch zwei Cover, darunter das tröstlich-intensive "I Know You're
There", das von einer der Frauen gesungen wird. Ganz am Schluss überrascht
übrigens die nordkoreanische Friedenshymne "White Dove, Fly
High". – »So cool ein Lied sein kann,
können Lieder doch nicht dein Leben verändern, aber das Wort
Gottes kann es«, betont Mark Hall gerne. Diese Einstellung
zeigt sich auch in den vielen Bibelverweisen im CD-Booklet. Der Webauftritt,
das Konzert- und Merchandising-Tamtam huldigen dagegen den Erwartungen
des Showbiz ...

Fazit: Man mag sich die über weite Strecken formelhafte und druckvolle
Musik nicht immer zu Gemüte führen wollen, aber was Casting
Crowns der Jugend mal schnörkelloser, mal poetischer über eine
gradlinige Nachfolge ans Herz legt, ist weiterhin bedenkenswert. "Lifesong"
(2005) wirkte insgesamt allerdings ausgereifter.

Highlights: East To West, The Word Is Alive, The Altar And The Door, Somewhere
In The Middle.
|