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 Jeremy
Casella
"recovery"

( 2007 Saint & Pilgrim, independent / online )
Top-Indie-Album 2007!

Aus dem kreativen Pool der Nashviller Square Peg Alliance (Derek Webb, Andrew Peterson, Jill Phillips u. a.) möchte ich allen Freunden eigenständiger Liedermacherei Jeremy Casella ans Herz legen. Er ist wie seine Kollegen der Ecke Singer-Songwriter mit einem gitarrenorientierten Folk-/Akustik-Stil zuzuordnen, doch variiert und erweitert er dieses Genre vielfältig und entdeckungsfreudig. Sein oft leidenschaftlicher Gesang macht hellhörig – er erinnert obendrein stark an Paul McCartney von den Beatles. Auf "Recovery", seinem neusten, von Monroe Jones (Chris Rice, Ginny Owens) co-produzierten Album, begeistern aber auch sein Songwriting, sein Flair für Melodien und sein Streben nach künstlerischer Exzellenz, die zu einem vibrierenden Soundtrack zusammenfinden. Ein guter Zeitpunkt also, Casella näher vorzustellen ...

Schon die Verpackung macht Appetit: Klappt man die dünne Öko-Hülle auf, findet sich der Silberling in der einen Klappe verborgen, in der anderen steckt ein stilvoll gestaltetes Booklet. Der als "RCVRY" abgekürzte Albumtitel (Recovery bedeutet: Wiederfinden, Zurückbekommen oder auch Genesung) und die Tracklist fachen die Neugier weiter an:
»1 distress signal: a. major against minor
b. breaking the glass case
c. where are you? 2 living <---(the space between)---> dying 3 hypocrisy #785 ...« und so weiter, insgesamt 12 knackige Titel.
Stimmen-Potpourri

Und dann der Sound! Es ist ein überraschungsreicher Mix aus Folk, Klassik und Electronica. Ein stimmungsreiches Ineinandergreifen von Gitarren, Klavier, Streichern, Klarinetten und Hörnern, vielerlei Drums und Perkussion sowie Keyboard. An die 40 verschiedene Instrumente werden aufgeführt. Schon der Opener "Distress Signal" mit einem Streichquartett-Interlude, dazwischenquäkender Klarinette und "Bababa"-Vocals ist ein verblüffendes Potpourri, vielschichtig und abwechslungsreich. Wahre Wundertüten sind auch "The Space Between Living And Dying", das mit seinen drängenden Piano-Dreiklängen über einem schwelgerischen Klangfluss der besungenen Veränderung entgegengaloppiert, und das komplex rhythmisierte "Hypocrisy #785".
 Man ist nach zwei, drei Stücken süchtig nach diesem so noch nie gehörten Sound, der rumpelt, pulst, tanzt und strömt. Casella zog mit hörbarer Tüftelfreude alle Register seines Könnens und seiner Vorstellungskraft, unterstützt von klasse Mitmusikern wie Ken Lewis, Matt Slocum (Sixpence None The Richer), Ben Shive oder Cason Cooley. Erst in der "Study in F", einem anspruchsvollen Gitarrenstück, wird das hohe Tempo der Rhythmusgewebe ausgebremst. Dann geht es über das tranceartige, von Imogen Heap beeinflusste "Daylight" in den folkigeren Albumteil über. Wunderschön ausgestaltet ist hier etwa "Darkest Night". »No easy answers here, it's such an awful mess / You only question more and more the deeper that you get / All that your eyes can see is the pouring rain«, singt Casella, bevor er zum Aber ansetzt. Denn was erst eher niedergeschlagen wirkt, ist beim genaueren Hinhören mit viel Hoffnung durchsetzt. Das Cover fängt diesen hoffnungsvollen Grundton der CD perfekt ein: Der Sänger sitzt vor einem zerfallenden Haus, das vielleicht noch zu retten ist. Links steht ein kahler Baum, doch der Baum rechts hat Blätter angesetzt ...
Erlösung durch Wahrheit

Casella produziert keine Wohlfühlsongs für Pop-Christen, die man weltvergessen mitträllern könnte – obwohl seine Musik hochmelodiös daherkommt. Vielmehr fängt er Hochs und Tiefs ein. Von Entfremdung, Kontrollverlust und Abschied ist die Rede. Und vom Ausbrechen aus dem scheinbar sicheren Glaskäfig in ein Leben, das wahr und ehrlich ist und Fragen und Schmerz nicht leugnet. Der 31-Jährige nimmt uns hinein in bekenntnishafte Gedankenskizzen, etwa in "Born Again", wo er Enttäuschungen und Verschwiegenes in seiner Vergangenheit andeutet: »Sometimes it helps to name what marks you most of all / The things that shape your deepest places.«

Ein Gänsehautsong ist auch das Moll-gestimmte, wunderschön getextete "Recovery", wo er über das Zusammenspiel von Schönheit und Tragödie in seinem Leben nachsinnt: »So much more than the sum of your longings / Are the good and the bad – all this beauty and tragedy.« Das Verlobungslied "Freight Train", das Casella vor einiger Zeit in einer Demo-Version im Internet vorstellte, wird auch hier sparsam begleitet, u. a. von einem "Wasserkrug". "Hand of God", die obligate Klavierballade zum Schluss, betont nochmals die erlösende Kraft der Wahrheit und schlägt mit Versen, die schon im ersten Lied auftauchten, einen Bogen zurück zum Anfang: »She's the truth / Wrapped up in tears / She's the beauty / For all your fear / And she sings, nobody holds you like the hand of God / I was cold and desperate for her love / Tossed in the storm that living brings / I didn't know my name / Until she gave me shelter in her wings.« – Man darf gespannt darauf sein, wie Casella diesen ausgeklügelten Soundtrack für seine Solo-Tournee herunterbrechen wird!

In Kürze: ein Topalbum 2007! Wie etwa Scott Phillips mit "Next Stop Willoughby" zeigt Jeremy Casella auf seinem neusten Album frappantes künstlerisches Wachstum. "Recovery" bietet Songwriterkost mit viel Herzblut, die ums Enthüllen und Entdecken von Wahrheit und Schönheit kreist.

Meine Favoriten: Distress Signal, The Space Between Living And Dying, Recovery, Born Again.
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