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 Lori
Chaffer
"1beginning"

( 2003 Hey Ruth Music / online
)
»Es wird dir immer wehtun
/ du wirst immer Schmerz spüren / denn du wirst nicht alles loslassen
/ bis du eines dunklen Nachts ruhig sein wirst / und du gibst den Kampf
auf, den du so lange gefochten hast / und siehst ein, dass Vertrauen kein
Spiel ist / das naive dumme Leute in ihrer Jugend spielen / und du lässt
es regnen / fluten / allen Schmerz der Liebe austreiben.«
(~ "You Will Always Hurt")
Ein aussergewöhnliches Musikgespinst

Lori Chaffer von Waterdeep scheint keine
Frau der eindeutigen, geradlinigen Worte zu sein, sondern eine gefühlstiefe,
verletzliche Künstlerpersönlichkeit. Für ihr erstes Soloprojekt
wählte sie ein ebenso gefühlsumwobenes und letztlich unauslotbares
Thema: das Zusammenspiel von Gutem und Schlechtem im Leben. Die Schönheit,
am Leben zu sein – trotz allem. Entstanden ist ein ganz aussergewöhnliches,
fast etwas unwirkliches Musikalbum. In 10 selbst geschriebenen Liedern
erschafft die Sängerin und Multiinstrumentalistin ein komplexes Gespinst,
das vom ersten leisen Ton an einnimmt und fasziniert.

Zum Ersten durch die originelle Machart; denn ihr Musikstil ist unvergleichlich.
Lori Chaffer, die u. a. an diversen Gitarren, Bass und Piano/Synthi wirkt,
vermischt ohne Berührungsangst und mit dem typischen Waterdeep-Faible
für 70er-Jahre-Klänge Elemente aus Folk, Rock, Neo-Soul (grossartig:
"Animals"), Cabaret, Punk und New Age und liebt ungewöhnliche
Klänge wie singende Wassergläser, Saugwind-Harmonium, Tack-Klavier
und coole Loops. Am einnehmendsten ist aber ihr Gesang, der zwischen mädchenhaftem
Überschwang und Schwermut siedelt und immer wieder die Stimmung wechselt:
mal zuversichtlich-heiter, mal traurig, mal ausgelassen, mal zart einlullend.
Lori Chaffer geht sehr intuitiv, gefühlvoll ans Liederschreiben und
Musizieren. Ihre Songs sind enorm stimmungsvoll, abwechslungsreich, oft
nicht voraussagbar – irgendwie nicht ganz von dieser Welt ... Über
manchem Stück liegt etwas Träumerisches. Ein warmer, sehnsüchtiger
Schleier (geht unter die Haut: "If I Said I Don't Mind").
In Freud und Leid mit dem Leben zurechtkommen lernen

Zum Zweiten fallen die ungewöhnlichen Texte auf: Auch wenn man sie
im Booklet nachliest, bleiben sie oft vage. Sie können aber nachgefühlt
werden. Im gewagten, Björk-ähnlichen Eröffnungstrack "Make
No Protest" spricht Gott zu einer "noch nicht empfangenen"
(O-Ton Lori Chaffer) Seele, die in Kürze der Witterung dieser gefallenen
Welt ausgesetzt sein wird. "Welcome" begrüsst ein Neugeborenes
und feiert das Geschenk eines neuen Lebens, auch wenn es, wie alle, mit
Enttäuschungen wird umgehen lernen müssen. Dass Gemeinschaft
und Nähe auch Verletzungen mit sich bringen, umschreibt das zart
schwebende, hypnotische "You Will Always Hurt" (das im Klang
übrigens auf Sara Groves' "Morning
Will Be On The Other Side" vom Album "Station
Wagon" vorausweist, bei dem Don
und Lori Chaffer massgeblich mitwirkten) in krassen Vergleichen.

Vertrauen ist nicht billig, aber notwendig und heilsam! Denn sich von
der Aussenwelt abzuriegeln, um das allzu verletzliche Ich vor den Lebenswunden
zu schützen, ist eine Scheinlösung. Davon handelt "Alone
Everybody" mit seinem wunderlichen Vaudeville-Cabaret-Stil. Es gibt
die bitteren Kosten der Einsamkeit zu: »Ich dachte, ich könne
allein zurechtkommen / Ich glaub, ich bin glücklich, ich glaub, ich
bin stark / Aber wie mein Kaktus, wenn er zu lange ohne Wasser ist / Alleine
sterben sogar Kakteen / Allein geht's jedem gut / Allein lügt jeder
/ Allein weint jeder.« Und so rufen "It's Not Safe"
und "You Can Sing" dazu auf, nicht nur am Bitteren herumzukauen,
sondern das Schöne zu erkennen und zu geniessen, Gemeinschaft zu
leben, solange wir es können.

Fazit: feminine Musik von schillernder Schönheit und Lebendigkeit!
"1beginning" kreist um den Wunsch, trotz Verletzungen am Leben
festzuhalten, seinen Wert und das Schöne zu sehen, ohne in Süchte,
Scheinwelten oder Isolation zu flüchten. Immer wieder stösst
man zwischen den poetischen Zeilen auf Vertrautes, Nachfühlbares,
selbst Erlebtes. Wer keine Angst vor künstlerischer Vagheit hat und
eine Vollblutmusikerin und ihre Gedankenwelt, ihren ureigenen Stil kennen
lernen möchte, sollte hier reinhören.

Highlights: Make No Protest, Animals, If I Said I Don't Mind, You Will
Always Hurt.
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