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delirious? - ''audio lessonover?''delirious?
"audio lessonover?"


   ( 2001 Furious? Records, Fierce! / online )

Es hat schon etwas Komisches, wenn nahezu alle Acts der christlichen Musikszene Lobpreisplatten auf den Markt werfen, aber ausgerechnet delirious? eine säkulare Scheibe ;-) Die Erklärung ist, daß die fünf Rocker aus Südengland (Southhampton, an der Atlantikküste) seit Jahren ganz verbissen um den Durchbruch auf der britischen Insel kämpfen. Nach der CD "glo" für den christlichen Markt, vom letzten Jahr, sollte jetzt der säkulare Markt entgültig aufgerollt werden. Inzwischen hat die Band eingestanden, daß alle derartigen Aktionen leider fehlgeschlagen sind, und die Ergebnisse noch weit schlechter aussehen, als bei früheren Singles/Alben. Nachdem der Frust abgegessen hat, wird man sich wohl zusammensetzen und an neuen Strategien/Konzepten arbeiten. [siehe dazu auch unseren ergänzenden Kommentar im Anhang]

Genug der Vorrede, "Audio lessonover?", der Titel des neuen Albums läßt noch etwas von dem Bandhumor durchscheinen, auch in jenen dunklen Stunden ihres Bestehens. Er ist nämlich ein Anagram (Anm.: griech.; durch Umstellung von Buchstaben od. Silben eines Wortes entstandenes neues Wort; Buchstabenrätsel) von "Radio One loves us"... (s.u.)
Als erstes erklingt "waiting for the summer", ein euphorischer, lebensfroher Groove-Hit, wie es ihn seit den Songs des "king of fools"-Albums nicht mehr gab! Die erste Single des Albums ist musikalisch sicher das beste Teil des Silberlings. Leider ist es damit spätestens nach dem zweiten Lied ("take me away", der MP3-Single!) vorbei, wenn es eine Idee ruhiger, düsterer und melancholischer wird. Manche Stücke hört man nicht unbedingt zu Ende an, sondern springt weiter zum nächsten - vielleicht kommen noch welche, die nicht so langweilig sind... Gut, nach einigen Durchhängern im Mittelfeld, wird der Schlußabschnitt noch mal Spannend. Die Hymne "America" verbreitet ähnliches Gänsehautfeeling wie seinerzeit "white ribbon day". "Show me heaven" rockt noch mal etwas ungewöhnlich ab, "stealing time" (# 13) ist eine fast achtminütige intensive Rockballade, an die sich noch ein zweiminütiger, versteckter Bonus-Track anschließt. Vom Rest der Platte sind mir insbesondere "love is the compass" (# 3) als gute Rocknummer und "there is an angel" (# 8; für Martin Smith' Frau Anna) als hingebungsvolle Ballade aufgefallen.
Man sollte (nicht nur als hartgesottener delirious?-Fan) dieses neue Album mehrmals komplett und in Ruhe durchhören. Es braucht unheimlich lange, ehe es sich festsetzt und eventuelle Vorurteile hinwegstößt. delirious? nähern sich hier stark der U2-Philosophie an, mit ihrem zeitlosen, ehrlichen Rocksound, der nunmehr fast ohne Spielereien auskommt. Natürlich hinkt dieser Vergleich ein bißchen, denn delirious? haben in den letzten drei, vier Jahren ihren eigenen Stil weiter verfeinert.

Kommen wir zu den Texten der Lieder: Wie nicht anders zu erwarten war, sind die christlichen Inhalte bei einer säkularen Platte schwer(er) auszumachen. Mich erstaunte jedoch, daß es hier tatsächlich mehr zu finden gibt, als auf dem eigentlichen Vorgänger "mezzamorphis" (1999, Furious? Records). Von der Trauer über diese gottlose Welt spricht das Lied "America", zeigt aber auch die Hoffnung auf, die noch immer vom Evangelium und Lob Gottes ausgeht. "There is an angel" vergleicht die Liebe in einer Ehe mit der Liebe Jesu zu uns Menschen. Martin schrieb das Lied für seine eigene Frau und man ist beim Hören sowie Lesen des Textes wirklich gerührt. Feuer im Herzen für Gottes Sache ist das Thema von "fire" (# 7). Im Titel "alien" (# 4) wird die Liebe Gottes irgendwie mit dem Alien-Thema verbunden. Die restlichen Verse sind entweder Liebeslieder oder einfach so Gedanken zum Leben. Alle Texte sind durchaus verschieden interpretierbar. Man kann deshalb einerseits den Mut der Band zum Bekenntnis loben (!), sich aber andererseits noch mehr Deutlichkeit im Detail wünschen.

Desweiteren erwähnenswert dürfte sein, daß die CD auch noch eine CD-ROM-Spur enthält mit einem Fotoalbum sowie den Musikvideos zu "everything" (vom Album "glo") und"take me away".
Interpretenname und Albumtitel sind auf die Hülle aufgeklebt, da das Cover eigentlich nur das graue Bandfoto ist. Der Text auf der Rückseite steht auf dem Kopf und das Papier des Booklets ist echt rauh...

Fazit: Ein starkes, überwiegend nachdenkliches Rockalbum mit einigen echten Klassikern. Doch es gibt leider zuviel verschenktes Potential, das am Ende fehlt, um diese Platte zur besten der Formation zu machen. In dieser Hinsicht werden also die Erwartungen nicht ganz erfüllt; trotzdem auf jeden Fall ein Tip zum lange reinhören... Als Band stehen delirious? mit der jetzigen Epoche vor der existenziellen Frage, wie es weitergeht in Zukunft.

Hinweis:
Das Album ist Anfang August 2001 bisher nur in Großbritannien offiziell erschienen. Nach Deutschland soll es irgendwann im Winter/Frühjahr 2002 gelangen, gleiches gilt für die USA. Bis dahin kauft man die CD am besten im Band-Shop, bei goldusa.com, acorndirect.co.uk, amazon.co.uk, amazon.de oder lädt sie aus dem Web.


—David Decker für CCM-Rezis, September 2001

Daten:
13 (14) Titel / 60 Min.
Musikstil: Modern-Rock, Brit-Pop
Label(s): 2001 Furious? Records, GB / Fierce! Distribution, GB /
               www.delirious.co.uk / online [UK] - online [Deutschland]
Website: http://www.delirious.co.uk  /  Fan-Site

weitere CDs - siehe delirious?-Künstlerseite >>
 
ergänzender Kommentar zur Band:

Paradoxerweise war die Band umso erfolgreicher, desto christlicher und "unbekannter" sie war. Die Zahlen belegen dies eindeutig. Einerseits kann einem die Band wirklich leid tun, andererseits muß man auch mal nach den Ursachen fragen. Die sehen so aus, daß die Band und ihr Management/Label so wie es aussieht, die christliche Fan-Basis grob vernachlässigte in den letzten Jahren. Dies dürfte besonders für die "Nachfolger" der ersten Stunde auf der britischen Insel gelten. Desweiteren sollte man auch gewisse Äußerungen der Band bedenken - ihr Hauptziel sei es, "Leute zu erreichen", was immer damit gemeint ist. Sie sagten aber nicht mit was sie die Leute "erreichen" woll(t)en, bzw. wofür. Christen verstanden solche Statements immer als Beweise für den Missionseifer der Band, doch den gibt es offensichtlich gar nicht in dieser Form. Man braucht sich nur die "Frucht" anschauen, die diese Band hervorgebracht hat: Haufenweise verkaufte Tonträger weltweit, sie sind "Marketing-Spezies", einige Tourneen rund um den Globus - damit die CD-Käufer sie auch mal live sehen. Das war's eigentlich schon. Gut, einige ihrer allerersten Lieder (aus ihrer "christlichen Epoche") haben sich - besonders in der charismatisch angehauchten - Jugend-/Lobpreisszene weitläufig durchgesetzt.
Ich denke, man kann nicht einerseits belanglose Liebesliedchen schreiben und nach allen möglichen Erfolgen in der Welt der Musik streben und andererseits halbherzig versuchen, auch noch die christliche Szene an sich zu halten. Das so was nicht lange gut geht, hat nicht nur eine Amy Grant schon erfahren dürfen.
Nicht vergessen sollte man einen weiteren sehr wichtigen Faktor, der bisher den seit Jahren angestrebten Durchbruch (zu was sollte der Nütze sein?) verhinderte: das britische Radio, insbesondere DIE britische Popwelle "Radio One" von der BBC. Die haben delirious? nämlich auf eine schwarze Liste gesetzt (offensichtlich, weil sie christliche Elemente verarbeiten), d.h. sie spielen sie gar nicht, oder ganz selten. Plattentips und dergleichen braucht die Band dort auch nicht mehr zu erwarten. Und der springende Punkt: was Radio One nicht spielt, hat landesweit keine Chance auf Charts & Co. Ja, so läuft der Hase dort! Nicht nur Cliff Richard mußte also schon unter der Starrköpfigkeit und Unbarmherzigkeit einiger Briten leiden (damals mit "the millennium prayer", das auch boykottiert wurde) ...
Einige Leser werden mir sicher wegen dieser Zeilen Ketzerei vorwerfen, aber ich vertrete allen ernstes diese Meinung. Im ersten Teil versuchte ich die möglichen geistlichen Aspekte zu beleuchten, im zweiten Teil die möglichen praktischen. Vermutlich sind Gottes Hände viel mehr im Spiel als wir glauben...

—David Decker im September 2001
 


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