The Deadlines - ''fashion over function''The Deadlines
"fashion over function"


   ( 2001 Tooth & Nail Records / bv-music )

"Tief im Westen / wo die Sonne verstaubt / ist es besser / viel besser, als man glaubt / tief im Westen" - jaja, der Grönemeyer, einer der deutschen Trendsetter. Ein ganz anderer Trendsetter tief aus dem Westen der USA (Seattle, Bundesstaat Washington) ist Tooth & Nail Records, ein Label, das seine Platten auch in den christlich angehauchten Markt vertreibt. Darunter nun eine ganz neue Blüte, die nach Trends und Moden mehr hascht, als nach allem anderen. The Deadlines mit ihrem "fashion over function", was ungefähr bedeutet, daß das "Wie" über das "Womit" geht. Was am Ende wohl soviel heißt, wie: "Das was vor Augen ist, ist wichtiger als das, was (damit) eigentlich bewirkt werden soll." Oder so ähnlich jedenfalls...
Na gut, war das Debüt der Untergrund-Band noch alternativ bis punkig, so ist dieser Zweitling eher im gefälligen Rocksound gehalten, fast wie ein Überrest aus den 70ern. Und Punkelemente sind nach wie vorhanden, zum Beispiel dieses atemberaubende Tempo. Gut ab gehen sie, die Songs, ohne Frage. Fetzig, melodisch, ordentliche Mitgröhl-Refrains, tadellos und hochwertig produziert, alles da.

Nur ein Problem habe ich halt mit dieser Platte: Sie hat keinen echten Gehalt, ist meines Erachtens irrelevant, weil sie letzten Endes nur Nonsens zelebriert. In den Texten - die häufig nur aus "oh" und "yeah" bestehen! - geht es um Moden, Trends, eben die Gesellschaft heute - von Jet-Set bis Paparrazi werden besonders die oberen Zehntausend aufs Korn genommen. Sicher, etwas Ironie, Zynismus und im Dauerwaschgang Sarkasmus können manchmal nicht schaden. Allerdings sind die Amerikaner nicht gerade für ihren durchschlagenden Humor bekannt, sondern eher dafür, daß sie kein Fettnäpfchen auslassen.
Wie ist es zum Beispiel zu verstehen, daß das letzte "Lied" der CD "Napalm holiday" heißt, also "Napalm-Festtag"? Der Höhepunkt der Blasphemie, wie kann man denn nur so geschmacklos über den blutigen Vietnamkrieg schreiben? Also bei mir hört es da echt auf! Das kann auch kein Titel wie "international jet-set" nicht wettmachen, wo es - man höre und staune! - sogar zwei deutschsprachige Zeilen gibt. Sicher lustig anzuhören für den Moment, aber am Ende entpuppen sich diese drei Minuten als überflüssiger Unfug, Ramsch.
Anstatt das Booklet mit Glamour-Fotos zuzuplastern, hätte man sich lieber erst einmal darum kümmern sollen, die Spielzeit auf ein ordentliches, annehmbares Maß zu trimmen!

Um nicht als gnaden-loser Mäckerer vom Dienst dazustehen, hier mal einige Verbesserungsvorschläge: Erstens Spielzeit drastisch verlängern, denn der Sound ist eigentlich gut und für das Genre wirklich ansprechend. Jawohl! Zweitens, schleunigst einige ernste und gehaltvolle Songtexte schreiben. Drittens, für die spaßigen Lieder - die ja auch sein sollen - bitte wirklich intelligenten Humor einbauen, der funktioniert. Zum Beispiel die Briten wissen wie man so was macht... Aber bitte keine ich-möchte-gern-trendy-sein-Band-mehr. Auf die Dauer wird das fad.

Fazit: Für modebewußte Rock'n'Roller zu empfehlen, die nur aufs Äußere achten, für die Fraktion der "Leute-Erreicher" allerdings überhaupt nicht. Nach einer halben Stunde Party (Was, schon vorbei?) ist man entweder noch einen Tick durchgeknallter oder man fragt sich, was das jetzt alles sollte...


—David Decker für CCM-Rezis, Februar 2002

Daten:
9 Titel / 29 Min.
Musikstil: Rock´n´Roll, Alternative-Rock
Label(s): 2001 Tooth & Nail Records, USA / bv-music, Haan
Website: http://www.thewaiting.com
 


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