Jason
Gray
"the better part of me"

( 2005 Independent, Now & Then Records / online)
»Meine Hoffnung für
dieses Album ist, dass du hören wirst, dass es okay ist, schwach
zu sein. Es ist sogar vorzuziehen. Du magst dich unzulänglich fühlen,
doch im Christsein geht es ... um Gott, der in und durch dich wirkt, sowohl
das Wollen als auch das Wirken zu seinem Wohlgefallen.« (Jason
Gray)
Starke Pop-Rock-Songs über Schwachheit

Dieses Album hat mich vom Hocker gerissen. Wie ein Schnellzug brausten
die ersten Songs an meinen Ohren vorbei, brachten mich zum Mitwippen und
Mitsummen, zum Schwelgen im Klang und zum Schmunzeln. Dass Jason
Gray nicht nur ein erklärter Fan von Mark Heard und dem Schriftsteller
Frederick Buechner, sondern selber ein kühner Sänger, begabter
Gitarrist, smarter Poet und intelligenter Songwriter ist, hat mir schon
"Live Volume One: Hoping" (2003)
bewiesen. Aber er ist auch ein Chamäleon, das sich in dem Genre austoben
kann, in das es sich gerade hineinsetzt. Sein neustes Album, "The
Better Part Of Me", kommt in energischem und vom ersten bis zum letzten
Ton radiofreundlichem, vollsoundigem Pop-Rock daher, als sei Jason Gray
seit je Stammgast im Äther ...

Bereits in "Blessed be" (# 1) überzeugt er mit seinem warmen,
katzenhaft geschmeidigen und kraftvollen Gesang, dem man sich nicht entziehen
kann. Wie etwa "Weak" (# 3) erinnert das Stück stark an
Britpopper wie Coldplay oder Keane. In allen Tracks geben Schlagzeug und
Gitarren die Marschrichtung vor, bevor der Sänger mit packendem Rhythmusgefühl
einsetzt. Zielstrebig werden die Refrains angepeilt, die sich in süffigen
Melodien ahlen. Coole Elektro-Klangwürmchen umtanzen den Uptempo-Track
"This Far" (# 2) und den Hip-Hop-gefärbten Dance-Pop von
"I'm Not Going Down" (# 5). "Someday" (# 6), ein eingängiger
Popsong, strömt spürbar jenem zukünftigen Tag entgegen.
Nicht nur hier werden Lautstärke und Tempo in der Liedmitte zurückgenommen,
um dann erneut soghaft in die Ziellinie zu steuern. Phänomenal, welche
gewaltigen und oft spannungsgeladenen Klanglandschaften die Studioband
aufbaut. Ganz am Puls der Zeit! Nicht zu vergessen die BGV-Beiträge
von Lori Chaffer (Waterdeep), Sara
Groves, Stacie Frenes, Joel Hanson und Andrew
Peterson. Unter den Produzenten Matt Patrick und Nate Sabin (Sara
Groves, Joe Rogness) liefen alle
zu Hochform auf!

Nachdenklich-ruhig klingen "The Cut" (# 4), das zu Akustikgitarre
und Cello beginnt, zwischendurch aber zu aufjaulender E-Gitarre ausbricht,
und "Everything I Own" (# 11). Semi-akustisch, mit schlichter
Melodie legt dieses berührende Lied von David Peightal (das eine
besondere Geschichte in dessen und auch in Jason Grays Leben hat, wie
im Booklet nachzulesen ist) alles Gott zu Füssen. Aber was ist das
schon!? "Schmutzige Lumpen sind alles, was ich besitze. So stehe
ich vor Gott mit meinem Stroh und meinem Heu." Es ist ein Lied
über Ostern und den Einen, der für uns alles hingegeben hat.
– Beste Laune verströmt davor "Grace" (# 10), das Gottes
Gnade wie eine Freundin beschreibt: "Manche sagen, ihre Liebe
sei blind. Aber ich sage: Ihre Liebe vergisst. Sie mag es nicht, wenn
ich sie krampfhaft zu beeindrucken versuche, denn wenn ich das tue, ist
es eine Lüge, die ihre Liebe geringer erscheinen lässt."

"The Better Part Of Me" ist das Werk eines "lovely loser",
wie Jason Gray betont. Ich staunte, als mir bewusst wurde, dass der so
selbstbewusst klingende Sänger eigentlich immer von Schwachheit und
Unvollkommenheit singt. "Wenn ich schwach bin, bist du, [Gott,]
stark in mir" ("Weak") ist nach 2. Korinther 12, 10
die Kernaussage. In einer Welt, die Stärke und Erfolg zelebriere,
fühlt sich Jason Gray dazu berufen, Schwachheit und Kapitulation
zu feiern. Es lohnt sich, die Liedtexte und Erklärungen im Booklet
zu studieren. Ausführlich beschreibt er auch, wie es zu diesem extrovertierten
Album kam, das ursprünglich ein ruhig-intimes Musikerlebnis hätte
werden sollen ...

Fazit: ein famoses Pop-Rock-Album mit starken Melodien und ungewöhnlicher
Botschaft. Seit "A Place Called Hope" (2000/2002) gilt Jason
Gray als Songwriter's Songwriter. Mit "The Better Part Of Me"
bricht er nun kühn in die derzeitige Radiolandschaft ein. Unbedingt
reinhören!
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