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Lauryn Hill - ''the miseducation of Lauryn Hill''Lauryn Hill
"the miseducation of Lauryn Hill"


   ( 1998 Ruffhouse / Columbia / Sony )

Diese Sängerin brauche ich wohl nicht groß vorzustellen. Nur so viel: Nachdem sie einige Jahre große Erfolge mit den Fugees ("Killing me softly", "Fu-Gee-La") und weniger große in der Schauspielerei ("Sister Act 2") hatte, veröffentlichte sie 1998 ihr Solodebüt, das sie ganz nach oben katapultierte, von Liebhabern, Kritikern und Otto-Normal-Käufern hochgelobt wurde und ihr 5 Grammys einbrachte - und das obwohl dieses Album absolut kein Mainstream ist.
"The miseducation of Lauryn Hill" ist ein tiefes, sehr persönliches Album. Eins, das gar nicht geplant war, denn eigentlich schrieb Lauryn die Songs für andere Musiker. Doch da die Texte so persönlich, so sehr "Lauryn" waren, entschied sie sich in letzter Minute um und reservierte sie für ihr eigenes Album.
Die CD lebt von ihrer Perfektheit, Einzigartigkeit und Ehrlichkeit. Nach dem Motto "alles ist erlaubt" wurden die Songs geschrieben, umgesetzt und produziert. Ohne Regeln, denn Lauryn ließ sich noch nie etwas vorschreiben. Hier wurde bis in jedes Detail geplant, trotzdem wirkt die Platte spontan und nicht wie für die Charts perfekt durchgestylt. Und gerade weil nicht darauf geachtet wurde, daß sie allen Hörern gefällt, besticht die CD so. Aufgrund Lauryns kratzigen, tiefen Stimme, die mal hart, mal weich klingt, ist die Musik nie zu hübsch. Zwar schön, aber immer rauh - "so bin ich eben", meint Lauryn. Der Sound ist unheimlich kreativ, anfangs aber auch manchmal befremdend (weil so noch nie dagewesen); unterlegt mit bekannten, aber auch vielen unbekannten und unüblichen Instrumenten, die man oft gar nicht bemerkt, weil alles so gut zusammenpaßt.
Die Musik auf "The miseducation" ist handgemacht und nicht in eine Schublade einzuordnen: Sie kombiniert R'n'B mit Jazz, Rap mit World Music, Soul mit Reggae und Blues, deutlich spürt man den Einfluß der 50er bis 70er. Insgesamt kann man es einfach als "Black Music" bezeichnen. Die Lieder sind total unterschiedlich, sich gleichzeitig aber doch ähnlich. Da gibt's u.a. den harten Rap "Lost ones", das melancholische "When it hurts so bad", das rootsig-karibische "Forgive them Father" und "Everything is everything" mit einem stampfenden Rhythmus. Vier Songs hat Lauryn mit Gastmusikern aufgenommen, die den Tracks einen speziellen Charakter verleihen: Top-Gitarrist Carlos Santana, R'n'B-Star Mary J. Blige, Reggae-Voice Shelley Thunder und Soul-Sänger D'Angelo. Viele Titel sind gespickt mit Elementen aus alten Hits wie "Light my fire" oder Bob Marleys "Congrete jungle".
Neben den 13 Songs und den zwei Bonus-Tracks (u.a. der Klassiker "Can't take my eyes offa you") gibt es ein Intro und sechs Interludes. Das Intro beginnt damit, daß ein Lehrer die Anwesenheit seiner Schüler überprüft und Lauryn Hill nicht da ist. Damit und auch mit dem CD-Titel ("Die Miß-Erziehung der...") bezieht sie sich auf Erfahrungen (und was sie aus ihnen lernte), die man nicht aus Büchern erlernen kann, sondern sie selbst machen muß, um erwachsen zu werden. In den Interludes philosophieren die Schüler, unterlegt von ruhiger Hintergrundmusik, über das Thema "Liebe". Auch in den Texten geht es einige Male um Liebe (schöne, schlechte, unerwiderte), aber auch um Persönlicheres wie ihre Familie und Kinder, das Verhalten eines Superstars, die Bedeutung der Vergangenheit eines Menschen, den Sinn des Lebens und eine bessere Verständigung zwischen Menschen verschiedener Rassen. Also sehr persönliche, ehrliche, ernste und auch sozialkritische Texte, mit denen Lauryn etwas bei den Hörern bewegen will.
Und wie sieht es mit Aussagen über Gott aus? Da Lauryn in Interviews immer wieder Gott und ihren Glauben bezeugt, hätte ich auf dem Album mehr erwartet. Ab und zu erwähnt sie in den Songs Gott oder etwas anderes Christliches, teilweise gibt es auch Bezüge zu Gott (z.B. in "Final hour" über Gottes Gericht), allerdings nicht sehr oft und wenn, nur kurz und undeutlich (wie im Titelsong über den Sinn des Lebens). Da hätte ich mir mehr gewünscht, doch man muß akzeptieren, daß Lauryn ausschließlich im säkularen Business tätig ist.
Daß die Platte solch ein Selbstportät ist, liegt auch mit daran, daß Hill in vieler Weise agierte: so arrangierte sie die CD selbst, produzierte fast ausschließlich allein, schrieb fast alle Songs ohne Unterstützung, singt neben den Lead Vocals oft die Backings, spielt bei einem Titel die Gitarre und war für die Art Direction des Albums verantwortlich.
Fazit: Ein perfektes Album mit einem faszinierenden Sound und wertvollen Texten, an dem ich noch nichts gefunden habe, was ich kritisieren sollte.


—Michael Jung für CCM-Rezis, Januar 2001


in "aktiv Musikmagazin" September 1998:
»Lauryn Hill: Keine Fragen mehr nach Lippenstift-Farben

Jetzt hat sie es allen gezeigt. "Ich hatte das Gefühl, mit meinem Solo-Album etwas beweisen zu müssen", sagt Lauryn Hill, hauptberuflich Frontfrau bei den Fugees. "Denn wir leben in einer Welt, in der die kreativen Leistungen von Frauen nicht unbedingt honoriert werden." Jene Erkenntnis beschlich Lauryn spätestens, als die Fugees vor zwei Jahren mit dem Cover der Roberta Flack-Nummer "Killing Me Softly" weltweit die Hitlisten anführten und sich die Kunde von der soft-sexy Stimme der Sängerin in Windeseile rund um den Globus ausbreitete. Die drei Fugees Hill, Wyclef Jean und Pras Michel waren plötzlich Superstars, und Interviews liefen für gewöhnlich nach einem Schema ab, das Lauryn ziemlich schnell ziemlich stank. "Wyclef, wie siehst du den Zustand des HipHop zur Zeit?", habe sie gefragt, oder "Pras, was denkst du über die afrikanische Diaspora in den USA?" "Wenn ich auch mal was gefragt wurde, dann fast immer so Sachen wie 'Sag mal, Lauryn, was ist denn deine Lieblings-Lippenstift-Farbe?' Es war zum Kotzen."

Und völlig ungerechtfertigt. Daß die 23jährige mehr draufhat als niedlich zu gucken und süß zu singen, daran besteht nun angesichts ihres bemerkenswert souligen Solo-Debüts 'Miseducation' keinerlei Zweifel mehr. Ihre Jungs haben sie in Ruhe gelassen, sowohl Wyclef als auch Pras sind ja derzeit ebenfalls mit Solo-Projekten sehr erfolgreich dabei, das Fortbestehen der Fugees sei durch die Einzel-Aktivitäten jedoch nicht im geringsten in Frage gestellt, betont Hill. "Wenn ich den Kids mit diesem Album etwas beibringen will, dann vielleicht, daß nichts Falsches daran ist, ein Instrument zu spielen, anstatt immer nur Plattenteller und Knöpfe zu drehen." Lauryn produzierte das Album auch gleich selbst. "Meine Firma war erst irritiert, dachte wahrscheinlich: 'Dieses Mädchen schafft das doch nie', und ging mit mir eine Liste sogenannter Top-Produzenten durch." No way. Denn dieses Mädchen schafft das sehr wohl, hat in den vergangenen Jahren Songs für Aretha Franklin und Ce Ce Winans geschrieben und befindet sich auf einer Mission: HipHop im allgemeinen und HipHop von Frauen im speziellen aus der Sackgasse zu holen. "Ich habe das Gefühl, daß wir etwas stagnieren. Wir haben zwei der einflußreichsten Künstler verloren und seitdem sucht jeder nach dem neuen hungrigen Kid, das eine neue Richtung angibt."

Ob Lauryn Hill in diese Fußstapfen paßt? Für ein HipHop-Album der ausgehenden 90er Jahre ist der Sound auf 'Miseducation' ungewöhnlich organisch, statt Samples lassen echte Instrumente aufhorchen, wie etwa die Gitarre des alten Helden Carlos Santana. "Früher habe ich oft geweint, wenn ich Songs im Radio gehört habe. Solche Emotionen kann ich bei der jetzigen Generation nicht mehr entwickeln." Zu den echten Gefühlen im Stile eines Marvin Gaye, die Lauryn mit dem Album rüberbringen will, passen auch die Texte. "Ich empfand es als unpassend, Lieder zu schreiben, wo ich singe 'Baby, I can freak you 24 hours a day'. In sowas finde ich mich nicht mehr wieder." Wie sollte sie auch? Schließlich ist Lauryn Hill nun Mutter eines fast einjährigen Sohnes, dem sie mit "To Zion" eines der Highlights der Platte gewidmet hat. Vater ist Rohan Marley, ein Sohn von Bob. "Ich bin viel häuslicher geworden, das Leben hat sich normalisiert, seitdem Zion da ist." «

—aktiv Musikmagazin, 09/1998
Hinweis: Hier dargelegte Meinungen von Gastautoren müssen nicht die Meinung der CCM-Rezis-Redaktion wiedergeben.

Daten:
16 Titel / 78 Min.
Musikstil: Black Music, R'n'B, Rap
Label(s): 1998 Ruffhouse Records / Columbia Records / Sony Music, USA;
               'Plattenläden'; online
Website: http://www.lauryn-hill.com  /  deutsche Fan-Site

weitere CDs - siehe Lauryn Hill-Künstlerseite >>
 


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