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Sarah Kaiser - ''Geistesgegenwart''Sarah Kaiser
"Geistesgegenwart"


   ( 2007 Gerth Medien )

Noch mehr Kirchenlieder im Jazz-Gewand

Anknüpfend an den Erfolg von "Gast auf Erden – Paul Gerhardt neu entdeckt" (2003) legen Sarah Kaiser und Gerth Medien zur Jahreswende ein weiteres Hörerlebnis dieser Art vor. Auf "Geistesgegenwart" wurden nun neben Dichtungen von Paul Gerhardt (1607–1676) auch Lieder von Zeitgenossen, ältere Vorlagen und drei jüngere Kirchenlieder in Jazz übertragen.

»Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön, so sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.«

(Der Mond ist aufgegangen, Matthias Claudius, 18. Jh.)

Die Barock-Choräle "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (3) oder "Der Mond ist aufgegangen" (13) dürften auch in kirchenfernen Kreisen weit bekannt sein. Und die englischen Traditionals "Be Thou My Vision" (12) und "O Come, O Come, Emmanuel" (8) erlebten in den letzten Jahren ein auffälliges Revival, das auch zu uns rüberschwappte. Doch so haben wir sie noch nie gehört! Mit musikalischer Phantasie, Jazz-Harmonien und -Rhythmen, vielfältigen Improvisationen von Gesang, Klavier, Saxophon, Kontrabass und Percussion; mit spritzigen Blechbläsern, atmosphärischem Vibraphon oder funky Elektroeffekten. In ihrer verjazzten Aussprache setzt die Sängerin jede Silbe bewusst. Manchmal ändert sie mitten im Vers, von einem zum nächsten Wort Klangfarbe und Stimmung. Sarah Kaiser benützt ihre Stimme wie ein Instrument und klingt bald weicher, bald schärfer (gelegentlich etwas hart), mal nachdenklich, mal keck, mal "katzenhaft". Sie singt der bekannten Melodie entlang, ohne ihr sklavisch zu folgen. Vielmehr hört sie auf die Wirkung der Worte und die Dynamik in der Band (mit diversen Gastkünstlern), improvisiert gerne über eine Liedzeile, summt oder scattet.

»Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.«

(Geh aus mein Herz, Paul Gerhardt, 17. Jh.)

Mit Samuel Jersak (p, key; Produzent, Arrangeur), Lars Binder (perc, dr, vib), Martin Simon (b), Jonas Schoen (sax, fl, bcl), Uli Kringler (g, perc), Thomas Siffling (tp, flh) u. a. stehen ihr Partner zur Seite, die nicht einfach zusammen spielen, sondern ihre Instrumente miteinander sprechen lassen. Die Arrangements lassen einigen Raum für Impros. Das volkstümliche "Geh aus mein Herz" (4) wirkt mit seinem feinen Puls, dem weichen Gesang vor schwebendem Background und dem dazwischen murmelnden Sax sommerlich relaxt. "Christ ist erstanden" (11) entwickelt seinen summenden, bläserreichen Osterjubel über einer stetig wiederholten smoothen Basslinie. Meditative Weite verströmt "Be Thou My Vision". Immer wieder setzen sich aber auch lebhafte, komplexe Rhythmen durch, funky Bläser-Bass-Riffs, temperamentvolle Solos, gospelige Chor-Einsätze. Ein eigenwilliges Fundstück ist "Ich lobe dich von ganzer Seelen" (6). Sarah Kaiser versah den Text von Friedrich Konrad Hiller mit Melodie und Refrain und packte das Stück in Latin-Rhythmen. In "Lobet den Herren" (10) scheint Paul Gerhardt auf Matt Bianco zu treffen. Diese Choräle – im Sound der Bars und Tanzlokale! – stecken voller Musikalität und Improvisierlust bei allem Respekt vor der Glaubenssprache früherer Generationen.

»Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid nur grösser durch die Traurigkeit.«

(Wer nur den lieben Gott lässt walten, Georg Neumark, 17. Jh.)

Viele der Lieder haben Christen seit Jahrhunderten durch den Jahreskreis begleitet, sei es im Gottesdienst oder in der privaten Andacht. Doch so manche Wendung ist uns heute nicht mehr vertraut und könnte, wie jene Verse über geistliche Waffen in "O komm, du Geist der Wahrheit" (5) von Johann Philipp Spitta, falsch verstanden werden. Schon der Opener "Zieh ein zu deinen Toren" (1) hält als Anrufung des Heiligen Geistes allerlei Erkenntnis bereit, die es erst zu erfassen gilt. Und gerade dazu laden Sarah Kaiser und ihre Band ein. Man hält inne, stutzt, weil da Vertrautes ungewohnt bzw. Neues irgendwie vertraut klingt – und hört genauer hin. Und plötzlich klingen die Verse nicht mehr wie Formeln aus verstaubter Zeit, sondern kommen der Sängerin scheinbar spontan, eben "gegenwärtig" über die Lippen. Geistesgegenwart, Präsenz, die Fähigkeit, in unvorhergesehenen Situationen schnell zu reagieren und das Richtige zu tun ... das passt gut zu Stil und Botschaft des Albums!

»Du bist ein Geist, der lehret, wie man recht beten soll;
dein Beten wird erhöret, dein Singen klinget wohl, es steigt zum Himmel an.«

(Zieh ein zu deinen Toren, Paul Gerhardt, 17. Jh.)

Fazit: Auf "Geistesgegenwart" blickt Sarah Kaiser zurück und himmelwärts. Sie lässt alte Kirchenlieder in jazzigem Sound neu erstehen und bringt so die volkstümlichen, aber mitten ins Leben sprechenden Verse ganz neu zu Gehör und zu Bewusstsein. Ein eindrückliches Album, das sich zum Nebenbeihören ebenso anbietet wie für den bewussten Musikgenuss.

Perlen: Wer nur den lieben Gott lässt walten, Geh aus mein Herz, Fröhlich soll mein Herze springen, Lobet den Herren.


—Monica Seidler für CCM-Rezis, Januar 2007


Ob man viele Lieder von Albert Frey, Arne Kopfermann & Co. in 30 Jahren noch kennt, ist ungewiss. Fakt ist dagegen, dass es Werke gibt, die seit Jahrhunderten in der Gemeinde Jesu gesungen und neu interpretiert werden. Sarah Kaiser scheint es immer wieder zu solchen Schätzen der Kirchenmusik zu ziehen. Nachdem sie 2003 bereits mit "Gast auf Erden" ein Album mit Liedern von Paul Gerhardt vorgelegt hat, präsentiert sie nun wieder 13 Choräle, die meist schon 300 bis 400 Jahre auf dem Buckel haben. Von Georg Neumark "Wer nur den lieben Gott lässt walten" geht es diesmal über Joachim Neander "Lobe den Herren, den mächtigen König" bis zu Matthias Claudius "Der Mond ist aufgegangen". Auch Paul Gerhardt ist wieder mit vier Liedern vertreten. »Diese Lieder haben nicht wir gemacht, sie haben uns gemacht.« So bezeichnet Sarah Kaiser selbt das Kriterium bei der Auswahl, die auch zwei englische Titel umfasst.
Die Texte haben auch nach Jahrhunderten nichts von ihrer Sprachgewalt eingebüßt. Besonders bei Paul Gerhardt ist man immer wieder fasziniert, wie er das ganz alltägliche Leben als Gottesdienst feiert und in allen Dingen Gott am Werk sieht und ihn lobt.
Musikalisch ist das von Samuel Jersak produzierte Album, das in einer Studio-Session live mit der kompletten Band aufgenommen wurde, eine Mischung aus Jazz, Pop, Soul und Gospel. Sarah Kaiser versucht mit ihrer wandlungsfähigen Stimme den alten Texten ein aktuelles Kleid zu verpassen, inklusive einzelner vokaler Zusätze, die dem Musikstil geschuldet sind. Bei "Ich lobe dich von ganzer Seelen" hat sie gar noch einen eigenen Refrain gedichtet. Der aber gegenüber den Originalstrophen aus dem 17. Jahrhundert einfach nur platt wirkt.
Sicher klingen die barocken Choräle auf diese Art etwas leichter, frischer und zeitgemäßer - aber damit eben auch beliebiger. Um junge Hörer an die ungewohnte Kost heranzuführen, mag die Neuinterpretation gelungen sein. Wenn ich mich jedoch in der Tiefe meines manchmal erbärmlichen Lebens an dem Gott festhalte, den Paul Gerhardt und andere so mächtig erlebt haben, ziehe ich die traditionelle Fassung dieser Liedschätze dazugehörenden würdigen Orgelkängen in jedem Fall vor.

—Andreas Schmidt für komm! 3-2007

Daten:
13 Titel / 63 Min.
Musikstil: Jazz, Contemporary Jazz, Soul-Jazz
Label(s): 2007 Gerth Medien, Asslar / 'Plattenläden'; online
Website(s): http://www.sarahkaiser.de

Wo kaufen?: bestellen im Gerth-Shop

weitere Infos & CDs – siehe Sarah-Kaiser-Künstlerseite >>
 


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