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 MuteMath
"reset" (EP)

( 2004 Telepromt Records / Word
/ bv-music )
"Reset", daß steht für das Erzeugen
eines Nullzustandes und danach beginnendes "Hochfahren", also
ingesamt einen Neuanfang. Es kennzeichnet aus meiner Sicht herrvoragend
den Zustand rund um die Band MuteMath:
Mit ihrem CD-Titel machen sie deutlich, daß sie einen Teil der Nachfolge
der gehypten Band Earthsuit antreten
(wollen). Nach mehrjährigen internen Grabenkämpfen um Musikstil,
inhaltliche Ausrichtung und Ziele als Band hat sich Earthsuit aufgelöst
und in zwei Bands gespalten: eben MuteMath und auf der anderen Seite Makrosick.

Und nun haben wir besonders in Deutschland schon gleich wieder die Fortsetzung
der Hysterie - so wie einst um Earthsuit. Mit MuteMath käme das musikalische
Paradies könnte man meinen. Und die geistliche Erlösung noch
dazu. Diese Talente der Popkultur schweben einen halben Meter über
dem Boden - ihre Genalität und ihr "Potential" befähigen
sie dazu... Selten so gelacht und mit dem Kopf geschüttelt zugleich:
Das Trio wird völlig überschätzt und übertrieben dargestellt.
Es sind durchgeknallte Musikbastler - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ihnen wohnt die revolutionäre aber auch rebellische Seele des Punk
inne; zugleich religiöser Intellekt. Eine Mischung, der hierzulande
nur wenige widerstehen können.

Diese sieben experimentellen Stücke werden die Welt nicht verändern
und die Musikszene auch nicht. Sie sind erfrischend unkonventionell, professionell
und anspruchsvoll. Aber darin liegt für mich bereits das Gift des
Zweifels verborgen. Für den Mainstream bringen sie nicht die richtige
Mixtour mit. Die Jungs sind zu sehr Avantgarde für dieses fromme
Nischengeschäft, das zu viel davon nicht verträgt. Die Masse
ist nicht bereit dafür oder nicht gewillt. Kann man sich entsprechend
raussuchen... Was ist, wenn ihr junges idealistisches Label 'Teleprompt
Records' draufgeht, eingegangen wird oder die Vertriebspartner es nicht
auf die Reihe bekommen? Was ist, wenn sich drei Musiktalente wieder in
die Haare kriegen über den musikalischen Kurs? Was ist, wenn ihre
Experimente doch nicht verstanden werden?

Man sollte einfach die Platte anhören, sich mal der Musik hingeben
und gut. Gelassenheit ist hier notwendig. Zwölf oder vierundzwanzig
Monate nach Veröffentlichung der vorliegenden EP kann man noch mal
über die Band und ihre Zukunft philosophieren. Es ist eben beruhigend
zu wissen, daß es keine zweite Platte von MuteMath mit dem Titel
"reset" geben kann. Mögliche Neuanfänge müßten
dann unter einem anderen Bandnamen "reset-et" werden... Mitunter
brauchen musikalische Tausendsassas und Querdenker wie diese "mutigen
Mathematiker" (hi hi...: ) mehrere Jahre, um sich abzureagieren.
Ich wünsche mir von Herzen, daß dazu kein weiterer "Reset"
nötig ist, dennoch verweigere ich mich bewußt den Hysterien!

Ungeachtet des lauten Nachdenkens über derartige Befindlichkeiten
noch einige Worte zur Musik dieser CD:
"Control" (# 1) ist ein herrlich treibender Modern-Rock-Titel,
wie man ihn in diesem Jahr selten von einer Band aus dem christlichen
Umfeld hörte. Positive Stimmung, tolle Hookline und starker Gesang.
Da stimmt alles. Die Herzen aller Earthsuit-Getreuen läßt vermutlich
"peculiar people" (# 2) höherschlagen. Da gibt es eine
beschwingte Mischung aus Pop, Rock und Reggae zu hören, die sehr
nach "one time" von der "kaleidoscope
superior"-CD klingt. Oder auch nach The Police und Sting - daran
mußte ich nämlich zuerst denken... Der Titeltrack (# 4) ist
eine dieser Experimentalhymnen, die wohl bald zum Pflichtprogramm frommer
Plattenleger gehören dürften: Elektronik-Rock an der Grenze
zwischen Pop, Klassik, Dub und Drum&Bass. "Plan B" (# 5)
bietet atmosphärischen Alternative-Rock nach bewährter amerikanischer
Art, jedoch mit leicht theatralischen Elementen. Genau da setzt "progress"
(# 6) fort, allerdings ist das Arrangement etwas "abgespacter",
will heißen experimenteller.

Nachdem man sich in den Sessel niedergelassen, den K(n)opf "reset-et"
hat, kann man sich wohl am besten diesen nicht alltäglichen Klangwelten
hingeben. Diese musikalische Phantasiewelt bietet einiges zu entdecken.
Und läßt immer wieder die Vermutung zu, daß die Köpfe
dahinter ziemliche Freaks sein müssen... Das mag stimmen, es sind
aber Freaks, die auch einen Glauben haben. Davon kann man einiges erfahren:
Es wird von Themen wie Hingabe, Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen,
Gottes Gnade und Annahme und den Sinn des Daseins auf dieser Welt erzählt.
Es sind deutliche Gedankenanstöße bzw. tiefergehende Fragen
an den Zuhörer, auch wenn sie den "Gott" nicht namentlich
erwähnen.

Fazit: Wegen der ersten beiden Titel dürfte sich für die meisten
Musikfans der Kauf dieser Scheibe bereits lohnen, wage ich zu behaupten.
MuteMath legen mit "reset" ein musikalisch mutiges Statement
vor und haben dabei inhaltlich durchaus viel zu sagen. Insgesamt wünsche
ich mir weniger Aufgeregtheit im Umgang mit dieser Band (sowie deren "Zwillingsbrüdern")
und mehr Freude an der hier vorliegenden konzentrierten Kreativität.
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