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 Sandra McCracken
"gravity | love"

( 2006 Towhee Records / online
)
»In myth and reason we uncover
What effort could not win.« (~ "Doubt")
Top-Album 2006!

Es ist nicht einfach, für Sandra McCrackens neustes Album die richtigen Worte zu finden, wenn man nicht einfach nur "wunderschön" schreiben möchte. Ich fürchte, mit zu vielen Worten ihre feinfühligen, intelligenten Liedtexte plattzureden, die gerade jede Plattheit meiden und voller Andeutungen stecken. Wie genau beschreibt man ihre Stimme, die wundersam zwischen brüchig und warm wechselt und jeden Ton reich mit Gefühl bepackt? Kenny Meeks versucht's mit einem Vergleich: »When Sandra sings it's like violins.« Wie ihren farbigen, gitarrenreichen Sound erklären, der überraschungsreich zwischen Americana, 70er-Jahre-Folk-Rock, Indie-Pop, Chanson, Beatles-Nostalgie und Memphis-Soul schillert und den rootsigen Stimmungsreichtum ihres genialen Zweitlings "Gypsy Flat Road" (2001) mit dem Schliff von "Best Laid Plans" (2004) verschmilzt? Und wie meine Begeisterung für "Gravity" (# 4) in Worte fassen? Schon als eine Demo-Version davon auf MySpace zu hören war, ging ein begeistertes Raunen durch die Fanwelt ...
Schwerkraft Liebe – zwischen Erfüllung und Sehnsucht

"Gravity | Love" spürt den Spuren und Wirkungen von Liebe nach, dem Mysterium von Erfüllung und ewiger Sehnsucht. Facettenreich und tiefgründig. "Broken Cup" (# 8) zeichnet zu hüpfenden Wurlitzerklängen, Mandoline und Banjo ein treffendes Bild unserer ewig sehnsüchtigen Herzen und all der Substitute, die uns ja doch leer lassen. Immer schwingt da auch die Sehnsucht nach der unvergänglichen Liebe Gottes mit, etwa im wehmütigen "Shelter" (# 9), das mit dem verhauchten Gesang, den schwebenden Klängen von Orgel, Moog-Synthi und Bass und dem sanften Trommeltakt Ruhe und Trost verströmt. "Doubt (Speak It Plain)" (# 7) sehnt sich zu griffigem Klavier, schlieriger Pedal-Steel und luftigem Pop-Feel nach göttlicher Weisheit und knüpft dabei an C. S. Lewis' Novelle "Till We Have Faces" an. Auch in der hymnischen Klavierballade "All The Miles" (# 11) scheint die Sängerin, die das Abstrakte und Symbolische liebt, auf Lewis anzuspielen: dass Liebe verletzlich mache und allem Liebesschmerz nur in der Hölle ausgewichen werden könne. – Inhaltlich, aber keineswegs klanglich aus der Reihe tanzt "Goodbye George" (# 3), eine Hommage an den verstorbenen Beatle George Harrison. Dieses raffinierte Stück, das sie zusammen mit Zac Hanson und Blue schrieb, verwebt Liedzitate, Albumtitel und Übernamen zu einem augenzwinkernden Abschiedsgesang.
»... rollend wie die Lieder in meinem Kopf«

Wie der melancholische Gesang gehört zu Sandra McCrackens Liedern ein Gefühl des Unterwegsseins, ein rätselhaft tröstliches Fernweh auch. Die nachdenkliche Piano-Streicher-Ballade "Portadown Station" (# 6), die mich in der Stimmung an ihre älteren Songs "Gypsy Flat Road" und "By Your Side" und einmal mehr an Joni Mitchell erinnert, malt ein intensives Gefühl von Einsamkeit, irgendwo an einem irischen Bahnhof. Zu den Handorgelklängen und hellen Gitarren von "Traincar" (# 5) glaubt man einen Vagabunden daherziehen zu sehen: »Da ist eine Spur auf meinen Händen, von Benzin und Sand, und ohne zu fragen, kommt wieder die Nacht ... immer diese Veränderungen.« Der bequeme Weg ist nicht unbedingt der beste, wie es "Long Way Home" (# 2) mit seiner beschwingten Melodieführung über Stock und Stein andeutet. – Die anspielungsreichen Poesiegespinste sind oft atemberaubend schön. Sie porträtieren Stimmungen, Gefühle und Sehnsüchte, die wohl jeder Hörer kennt und in seine Erfahrungen übersetzen kann, in seine Geschichte. Sie beflügeln meine Gedanken und rufen Erinnerungen wach, sie öffnen mein Herz weit, ohne dass ich es genau erklären kann: »es fühlt sich wie eine Droge an ...« ("Traincar"). Das gilt auch für die süchtig machend schönen Harmonien, die die Sängerin oft selber beisteuert (und natürlich ist auch Ehemann Derek Webb mit von der Partie).

Fazit: ein Stein, wer von dieser durchdringenden und zugleich verletzlichen Stimme nicht berührt wird! Allen, die mehr in Musik suchen als nur Klänge, empfehle ich dieses vielschichtige Werk wärmstens, ebenso Sandra McCrackens frühere Alben inklusive "The Crucible" (1999) und "Gypsy Flat Road".

Highlights: Gravity, Portadown Station, Broken Cup, All The Miles.
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