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 Ginny
Owens
"long way home"

( 2005 Rocketown Records / Gerth
Medien )
»Meine Fragen nehmen kein
Ende, Antworten habe ich wenige. Aber das Leben hat mich zum Schluss gebracht,
dass ich das aushalten kann, was ich nicht weiss, wenn ich über das
singe, was ich weiss.« (2. Strophe von "Live Once")
Ginny Owens, die dieses
Jahr bereits "Live From New Orleans"
als CD und DVD veröffentlicht hat, legt mit "Long Way Home"
ihr sechstes Album vor. Nicht nur Monroe Jones (Chris
Rice), sondern auch Will Hunt (Shane & Shane) und Vince Emmett (Rebecca
St. James, Paul Colman) wirkten diesmal
neben Ginny Owens selbst als Produzenten – und zwar in Los Angeles, Austin,
Nashville und New York. Mit im Studio war auch die bewährte Tour-Band.
Gefühlvoller Old Soul und zeitgenössischer
Pop

Da steckt viel R’n’B und "Old Soul" drin, wie sie ihn nennt,
gefühlvoller, dunkler Blues: Der Titeltrack "Long Way Home"
(# 3) knüpft mit der Anfangszeile "I woke up this morning"
– B. B. King lässt grüssen! – an den Blues par excellence an.
Ebenso stark vertreten ist ideenreich arrangierter Popsound mit Gitarrengespinsten,
elektronischen Spielereien und viel Dynamik, vergleichbar etwa mit Nichole
Nordemans neusten Songs. Kantiger, rauer, emotionaler sollte es klingen,
als wir Ginny Owens bis jetzt kannten. Rockig-laut fährt "Pieces"
(# 8) mit seinen sirrenden E-Gitarren und straffen Beats ein. Das Stück,
das Wayne Kirkpatrick mitschrieb und das ihrer Soulstimme gut liegt, ist
spannungsvoll aufgebaut. Überhaupt sind die Lieder ausgeklügelt
arrangiert, programmiert und abgemischt (Ben Wisch): mit lebhaften Songstrukturen,
stimmungsvollen Einsprengseln (Wood Loops, Signaltöne, Glockenklänge,
Flüstern, Rauschen usw.) und nahtlosen Instrumentenwechseln – und
der Instrumente sind viele: Neben Piano, Bass, dem üblichen Schlagzeug
und diversen Gitarren sowie Streichern, Wurlitzer, Rhodes oder Dulcimer
nennt das Booklet bei den mit Vince Emmett produzierten Stücken auch
Kesselpauke, Omnichord, Vibraphon, Röhrenglocken, Berimbau, Kaoss
Pad oder "Clay Pot"... Bei jedem Anhören entdecke ich neue
Details. Und vor allem legt Ginny Owens enorm viel Gefühl, Farbe
und Stimmung in ihren Gesang.
»Weise Sprüche, kurz und bündig«
(1. Strophe von "Live Once")

Was der funkige Eröffnungstrack "Waiting For Tomorrow"
beschreibt, kennen wohl die meisten: Wir vertrödeln das Heute und
träumen lieber von einem grossartigen Morgen: »Doch wenn
ich mein Leben damit zubringe, die Zukunft vorwegzunehmen, entwischt mir
das Heute, während ich warte.« Vollsoundig, mit viel Gitarre,
Moog-Bass, irrlichternden Loops und poppigen BGVs folgt "Fellow Traveler"
(# 2), das allen "Mitbettlern" das Brot, das Leben gibt, empfiehlt:
»Lass mich dir die Geschichte erzählen von einer Hoffnung,
die ich kennen gelernt habe, einer Liebe, die immer zu mir hält,
einem Frieden, der meine Seele frei macht.« Manche der 10 Lieder
– der Gospelblues "Live Once" ist bereits vom Live-Album bekannt
– sind Gebete, Tagebuchnotizen, in anderen spricht uns Ginny Owens direkt
an. Ihre besondere Stärke sind die ehrlichen Bekenntnisse, die Seelengemälde.
Oft ist von innerem Frieden, der Suche nach Weisheit und vom Wert der
Gemeinschaft die Rede. "Tyranny" (# 7) lehnt sich gegen Passivität
und Menschenfurcht auf und singt sich "frei von meiner eigenen
Tyrannei".
Was eine Blinde sehen kann ...

Zur Kategorie der schlicht-anrührenden Stücke, mit denen sich
Ginny Owens einst in unsere Herzen sang, gehören # 5, 6 und 9. "Wonderful
Wonder" sei persönlicher ausgefallen, als sie ursprünglich
geplant habe: Die ergreifende Hymne besingt den Augenblick, wenn die seit
ihrem zweiten Lebensjahr Erblindete sehen wird, was sie bis dahin
glaubt. Wie wird dieses Lied erst live tönen! Mit weichen
Klavierklängen, Geige, Cello, hartnäckigen Gitarren & Drums
und einem mitreissenden Flow schliesst "Let The Silence Speak"
an, das mich in einigem an Sara Groves
erinnert. Es legt uns das Stillewerden nahe, damit wir unsere echten Bedürfnisse
und Gottes Stimme klarer hören. "I Bring Everything" gehört
zu den "Take my life"-Songs: »Meine Suche nach Erfüllung,
meine Zweifel und meine Zerstreuungen, meine Worte und meine Taten bringe
ich Dir. Meine Lebensreise und meine Geschichte, mein Versagen und meinen
Ruhm, alles, was ich mir für mich erträumt habe, bringe ich
Dir ... Nimm dieses Leben, ich geb's zurück! Mach es zu all dem,
was es sein soll!«

Fazit: ein eindrückliches und wohltuendes Album mit einigen ganz
neuen Tönen! Das Produzenten-Viergespann und der aufgesplittete Aufnahmeprozess
schlagen sich in einer spannenden Vielfalt nieder. Sie zwängt die
Poesie von Ginny Owens nicht in eine Stil-Korsage und ertränkt sie
auch nicht in Perfektionismus. Der Sound zwischen erdigem, dunklem Blues
und einprägsamem Pop-Schwung dürfte viele ansprechen.

Anspieltipps: Fellow Traveler, Long Way Home, Wonderful Wonder, Pieces.
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Scharfsichtig und blind, introvertiert und sozial engagiert - nicht nur
ihre Musik, sondern vor allem auch die Musikerin selbst vereint die unglaublichsten
Gegensätze in sich, sodass man aus dem Staunen kaum noch herauskommt.
Mit ihrem vierten Studioalbum gelingen Ginny Owens
so einige Trümpfe: Ihren reiferen, souligeren Sound nennt sie selbst
"vertraut, natürlich" - und das hört man ihm an! Die
Musik klingt persönlicher, beseelter, entspannter als zuvor, und die
Ausflüge in Rock und R'n'B bekommen ihr gut.
Was zunächst teils wie netter, aber belangloser Pop wirkt, entpuppt
sich als kleines Phänomen: Die Songs sind ohrwurmmäßig-eingängig,
ohne sich dabei dem Hörer aufzudrängen oder zu nerven. Pop-Image
hin oder her: Dieses Kunststück muss ihr erst einmal jemand nachmachen.
Ihre musikalische Reise "nach Hause", sprich zu Jesus, wird ausgestattet
mit klugen und überraschenden Texten, die durch ihre Intensität
und Intimität dem, der sie mitverfolgt, sehr nahe gehen. Ginnys Nchdenklichkeit
zeigt sich hier sowohl im Blick ins eigene Ich - es geht u.a. um innere
Konflikte, Zerissenheit, Erkenntnisse -, als auch im Blick nach oben. Das
bedeutet in diesem Fall: Ginnys Welt dreht sich besonders auch um das Staunen-Können
über Gottes Wunder, um die Art und Weise, wie er unser Innerstes kittet,
wenn wir uns kaputt fühlen - und natürlich darum, dass das eigentliche
Ziel "der Weg" ist. Wer wohl? |