CCM-Rezis  >  CDs  >  Derek Webb


Derek Webb - ''I see things upside down''Derek Webb
"I see things upside down"


   ( 2004 INO Records / Asaph Musik )

»Ich hoffe, dass die Menschen verstehen lernen, dass die Gute Nachricht wahrhaftig gut und nicht einfach nur eine Nachricht ist.« (Derek Webb)

Derek Webb, ehemaliger Sänger und Songschreiber der Gruppe Caedmon's Call, ist bekannt dafür geworden, dass er gegen den Strich kämmt und Gedankengebäude ins Wackeln bringt. In seinem ersten Soloprojekt, "She Must And Shall Go Free" (2003), wandte er sich in markigen, nach eigenen Angaben jedoch bis ins kleinste Detail aus der Bibel hergeleiteten Worten an die christlichen Gemeinden. Der unbequeme Denker, der sich als "reformiert" bezeichnet und der Presbyterian Church angehört, kontrastierte Jesu Vollkommenheit, das fleckenlose Lamm Gottes mit den sündhaften Menschen - auch innerhalb der Kirche. "I'm not a Promise Keeper", lautet ein Ausspruch von ihm, "I'm a Promise Breaker. That's why I need Jesus." Einigen war seine Botschaft trotz der immer wieder durchdringenden Demut und Sündenerkenntnis zu krass - viele erkannten wohl auch nicht die vielfältigen Verweise auf biblische Ereignisse, Personen und Zitate. Diese theologischen Feinheiten, die sich mit persönlichen Erfahrungen und literarischen Reminiszenzen vermischen, machten ja bereits seine Lieder für Caedmon's Call vieldeutig und nicht immer leicht verständlich. Auf jeden Fall passen sie, mögen sie in noch so soliden Folk-Rock gekleidet sein, schlecht zwischen seicht dahinplätschernden Retorten-Radiopop.

Jesus allein statt Trends oder Substitute

Thema seines neusten 12-Song-Albums, "I See Things Upside Down" (dt. Ich sehe die Dinge verkehrt), sind die Werte, die in unserem Jahrhundert, in unserem persönlichen Leben und in den christlichen Gemeinden eine Rolle spielen. Und - oftmals im Gegensatz dazu - die Werte, die Christusähnlichkeit ausmachen und in Gottes Reich gefragt sind. Sind die Christen im 21. Jahrhundert noch Salz oder nur noch eine von vielen Subkulturen? Webbs Lieder handeln von Pharisäertum, Scheinheiligkeit und Überheblichkeit; davon, dass wir die "Welt", die Mitmenschen nur zu gerne verurteilen und den Balken im eigenen Auge übersehen. Aber auch davon, dass Einigkeit auf Kosten der Wahrheit erschlichen wird ("I Repent"). In schonungslosen Worten und Metaphern singt er von verhärteten Herzen, Masken, modernem Götzendienst und falschen Substituten; von "Truth without context" und "Holy sabotage" (in der bissig-zynischen "Ballad In Plain Red"). Ungewöhnlich, ja provokativ spricht "Reputation", ein Entschuldigungslied für Ehefrau Sandra McCracken, von der Kraft der Vergebung. "T-Shirts (What We Should Be Known For)" betont das Zeugnis der Christenheit in dieser Welt; und "Medication" verwirft mit Blick auf Jesu Wundmale ein oberflächliches Wohlfühlchristentum. Dass unsere Werte oft Kopf stehen und in Gottes Massstab Armut Reichtum, Schwachheit Stärke, Narrheit Weisheit und Tod Leben bedeuten können, fasst der Schlusssong "What Is Not Love" zusammen.

Schlicht-rauer Gesang und experimentelle Klänge

Unkonventionell und gewöhnungsbedürftig ist auch das musikalische Kleid, allem voran der brüchige, kratzige, immer leicht gequälte Gesang Webbs. Er erzählt, denkt nach, betet, bekennt, proklamiert. Schlüsselgedanken werden x-mal wiederholt. Nach dem Live-Album "The House Show" (2004) wieder mit einer vollen Band eingespielt, fällt sein folkiger Retro-Sound abstrakter, experimentierfreudiger und härter aus (Bob Dylan trifft auf U2 ...), entwickelt aber auch sehr warme, zarte Passagen. Speziell ist die Aufnahmetechnik: Gesang und Akustikgitarre wurden pur in einem Schlafzimmer bei Webb zu Hause aufgezeichnet. Mit versierten Musikern (Kenny Meeks, Paul Moak, Cason Cooley, Will Sayles, Matt Pierson) wurden anschliessend im Studio die Arrangements darum herum entwickelt. Als Produzent wirkte Webb selber. - "I Want A Broken Heart" eröffnet das Album mit sphärischen Tönen, zerfliesst in verhallenden Klavierklängen, Scratchen, Rauschen, Flüstern. Hymnisch beginnt "We Come To You", geschrieben von Aaron Tate von Caedmon's Call, das sich in eine 8-minütige Meditation auswächst. Und in "Ballad In Plain Red" begleiten rumpelnde Drums und ein undefinierbarer Bazar im Hintergrund den schneidenden, heiseren Sprechgesang. So entstand eine ideenreiche, atmosphärische Klangcollage, die den Hörer in ein Wechselbad der Gefühle taucht und ihm gleichzeitig mit vielen Zwischenspielen und Ausklängen den (dringend) nötigen Raum zum Nachdenken anbietet.

Fazit: inhaltlich starker Tobak und eindeutig keine Musik für die oberflächliche Berieselung. "I See Things Upside Down" ist nicht zuletzt eine Absage an triviale Dutzendware und die verweltlichte Jagd der christlichen Musikindustrie nach Stars, Hitparadenpositionen, Radio- und TV-Beachtung. Die anspruchsvollen Texte, die immer im Vordergrund stehen, zielen auf die Herzen wie auf Gewissen und Intellekt und fordern heraus. Derek Webb erinnert mich in der Originalität und Ehrlichkeit an Rich Mullins, in der Selbstkritik an Randy Stonehill, in seinem Eifer ums Evangelium an Keith Green und im Blues an Pierce Pettis. Man wird seine radikale Botschaft - und seinen Stil - entweder verwerfen oder gepackt werden.


—Monica Seidler für CCM-Rezis, November 2004

Daten:
12 Titel / 64 Min.
Musikstil: Alternative Folk-Rock, Pop, Singer/Songwriter
Label(s): 2004 INO Records, USA / Asaph Musik, Lüdenscheid; online
Website: http://www.derekwebb.com  /  bei myspace.com

weitere CDs - siehe Derek Webb-Künstlerseite >>
 


neu hier  |  alle CDs  |  Hinweise  |  Autoren  |  Rubriken  |  Deine Rezi  |  Netzwerk  |

© 2004-2005 by shineMedia    Kontakt    komm!    dennoch    Startseite