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Derek Webb - ''mockingbird''Derek Webb
"mockingbird"


   ( 2005 INO Records / Asaph Musik; online )

»Es gibt 98 Prozent im Leben und in der Schöpfung, worüber christliche Künstler nicht sprechen. Ich weiss nicht, warum man weiterhin über die gleichen 2 Prozent Platten macht ... Ich lebe mein Leben viel häufiger in diesen 98 Prozent.«
(Derek Webb)

Provozierende Lieder über soziale Gerechtigkeit, Armut und Krieg

Schon vor der Veröffentlichung von "Mockingbird", Derek Webbs drittem Studio-Album, haben einzelne Liedverse für heisse Köpfe gesorgt. Wie in "She Must And Shall Go Free" (2003) seine ungeschminkten Äusserungen über die Kirche in manchen Ohren unangenehm dröhnten, werden diesmal vor allem seine politischen, pazifistischen und sozialen Ansichten für Unruhe in seinem kriegführenden Heimatland sorgen. Kostproben gefällig? »Frieden mittels Krieg ist wie Reinheit mit Hilfe von Unzucht. Wie wenn man jemandem erzählt, dass Morden falsch sei, und es dann anhand einer Hinrichtung veranschaulicht«, singt er in "My Enemies Are Men Like Me" (# 7), in dem auch Martin Luther King zu hören ist. Das Stück stellt Jesu grösstes Gebot, Gott zu lieben und unseren Nächsten wie uns selber (Matthäus 22, 37), kompromisslos in die Gegenwart hinein: »Wie kann ich die töten, die ich lieben soll?« – »Verteidigen wir Leben, wenn wir einfach herauspicken und auswählen, welche Leben verloren gehen können und welche wir verteidigen müssen?«, fragt Derek Webb in "Love Is Not Against The Law" (# 11), einem weiteren Schlüsselsong. Und in "A King & A Kingdom" (# 3) heisst es: »Meine erste Untertanentreue gehört nicht einer Flagge, einem Land oder einem Menschen, mein erster Treueeid gehört ... einem König und einem Königreich.«

»Meine Feinde sind Menschen wie ich«

Mit solcherart kritischen Songs in der Tradition eines John Lennon und Bob Dylan – den er dagegen erstaunlich unkritisch als seinen persönlichen Helden bezeichnet ... – will Derek Webb provozieren, Werte zur Diskussion stellen. Das schwermütige "In God We Trust" (# 9) führt das nationale Motto der USA, das auch auf der US-Währung steht, in eine andere gedankliche Richtung als die gleichnamige All-Star-Hymne von 2002. Wo uns amerikanische Themen scheinbar noch kalt lassen könnten, wird's auch für uns ungemütlich, wenn der Sänger biblische Aussagen in den Mittelpunkt stellt. Jesu Antwort an den reichen jungen Mann, der ihm nachfolgen will, schneidet uns Europäern genauso ins Herz (# 5 "Rich Young Ruler"). In "A New Law" (# 2) quengelt ein Ich nach einem neuen Gesetz. Was Gott über Gnade, Erlösung, Nächstenliebe, Wahrheit, den Geist usw. offenbart hat, genügt nicht, ja ist unangenehm. Es müsste doch ein einfacheres "Gesetz" geben ... Wie ein Mantra wiederholt der Sänger am Schluss: "Do Not Be Afraid."

Derek Webbs Magical Mystery Tour

Und wie klingt das? Wie die Texte: schmerzlich schön, ungewohnt vertraut. Ja erstaunlich eingängig. Während "I See Things Upside Down" (2004) mit atmosphärischen Klängen experimentierte, klingt der gitarrenlastige Folk-Rock in "Mockingbird" wieder uriger, trockener und eine Prise leichter. Einmal mehr spielen Cason Cooley, Mark Polack und Will Sayles in der Band. Dazu gesellen sich Jordan Brooke Hamlin (Englischhorn, Trompete), David Henry (Cello) und natürlich Sandra McCracken (Gesang, Gitarre). Dass sich Derek Webb vorgängig mit der "Magical Mystery Tour" (1967) der Beatles auseinandersetzte, ist unüberhörbar und schlägt sich in der Akustik, den Rhythmen, den Instrumenten, den Harmonien und sogar in amüsanten Zitaten nieder. Sein wie gewohnt heiserer, zerdehnter Gesang nähert sich z. T. sogar John Lennon an. Die dumpf daherrumpelnde Liebeserklärung "I Hate Everything (But You)" (# 4) webt etwa "Yeah, yeah, yeah" ein, bevor sie Beatles-mässig in den Refrain überschwenkt. Auch in "Please, Before I Go" mit Brass-Begleitung, schummrigem Cello und hellem Glockenspiel standen die Pilzköpfe aus Liverpool Pate. Und beim Instrumentalstück "A Consistent Ethic Of Human Life" (# 6) erübrigt sich jeder Kommentar ... "Rich Young Ruler" mit dem feinen Gitarren-Intro, schwülen E-Gitarren und warmem Mellotron, wie es auch bei den Fab Four vielfältig zum Einsatz kam, hätte das Zeug zum schnulzigen Popsong, wenn da nicht die betroffen machende Botschaft wäre.

Die Spottdrossel singt das Lied eines andern

Mit dem Bild der Spottdrossel im Titelsong "Mockingbird" (ein Begriff übrigens, der auch schon von und auf Bob Dylan angewandt wurde) erklärt der Sänger seine scheinbar anmassende Mäkel-Position. »Es gibt nur einen Vogel, der kein eigenes Lied hat. Das ist die Spottdrossel. Ich will nicht mein eigenes Lied haben. Ich möchte die Lieder von Christus nachahmen.« – Ich kann hier nur wiederholen, was sich Derek Webb im Pressetext wünscht: »Die, die nicht sicher sind, wie ihre Sicht der Dinge mit meiner übereingehen könnte, bitte ich einfach, mir eine Chance zu geben ... Ich hoffe, dass man mir zuhört, auch wenn man nicht gleicher Meinung ist. Ich möchte einfach das Gespräch in Gang bringen.« Gebt ihm diese Chance, damit ihr nicht die andern 98 Prozent des Lebens, die man auch zur Sprache bringen sollte, verpasst!

Fazit: Auch "Mockingbird" trägt deutlich Derek Webbs Stempel: künstlerisch anspruchsvoll und eigenwillig – provokativ – relevant! Seine schneidenden Worte schmecken zugleich süss und bitter, so dass die eingängige und grossartig beatleske Musik beim Mitsingversuch zuweilen im Hals stecken bleibt.

Hinweis: Ein Jahr nach Erscheinen des Albums setzt Derek Webb seine "Spottdrossel" buchstäblich frei. Ab dem 1. September 2006 kann "Mockingbird" auf FreeDerekWebb.com kostenlos heruntergeladen, gebrannt und verteilt werden. Auf dass die Diskussion ins Rollen kommt ...


—Monica Seidler für CCM-Rezis anhand des Pre-Release, Dezember 2005

Daten:
11 Titel / 40 Min.
Musikstil: beatlesker Folk-Rock
Label(s): 2005 INO Records, USA / Asaph Musik, Lüdenscheid; online
Website: http://www.derekwebb.com  /  bei myspace  /  freederekwebb.com

Wo kaufen?:
My Christian Music (D) / Grassrootsmusic (USA) ...

weitere CDs – siehe Derek Webb-Künstlerseite >>
 


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