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 Derek
Webb
"she must and shall go free"

( 2003 INO Records/M2.0 / Asaph
Musik )
»Die Wahrheit ist niemals
sexy,
also ist sie kein Sonderangebot.
Du kannst sie ankleiden wie die Gesellschaft,
doch sie wird sie genauso schockieren,
denn sie braucht keine Rechtfertigung dafür, wer sie ist.
Und sie braucht nicht deine Hilfe, sich Feinde zu machen,
Also schert es mich nicht, ob
niemand mich liebt, niemand mich liebt.
niemand mich liebt, außer Dir.«
~ Derek Webb in "nobody loves me"
Frische Zuneigung - nichts für Herzschwache!

Mehr als ein Jahrzehnt war Derek Webb Mitglied
der Band Caedmon's Call, bevor er
im Frühjahr 2003 vorliegendes Soloalbum veröffentlichte. Prägend
für den Stil der Band, war er einer ihrer maßgeblichen Songschreiber.
Während sich die Folk-Formation weiterentwickelte und seinen "Verlust"
unter anderem durch - den nicht minder talentierten - Andrew Osenga (ehemals
The Normals!) ausglich, hat sich
Derek ebenfalls entwickelt: Sein theologischer und musikalischer Ausdruck
wurde abermals geschärft. Gleich auf seinem Erstling widmet er sich
der Kirche/ Gemeinde Jesu Christi. Seine Beweggründe sind im Beiheft
der CD dargelegt: »Nach zehn Jahren in einer
christlichen Band, hinter den Kulissen der Musikindustrie und auf den
Dielen der Kirchen/ Gemeindehäuser in Amerika, hat sich meine Aufmerksamkeit
als Liedermacher zu einer frischen Zuneigung zu dieser Kirche/ Gemeinde
gewandelt. Es scheint so, als wüßten wir viel zu wenig, wer
Sie ist, wie Sie sich kleiden sollte oder wofür Sie geschaffen wurde.
Ich habe herausgefunden, daß die Heilige Schrift provozierend ist,
wenn es um diese Themen geht und deshalb sind diese Lieder nicht für
Herzschwache.«
Lieder von der Braut

Sprachliche Schönheit und Schärfe vereint Webb in seinen Liedtexten.
Selten, daß sich ein Amerikaner und Christ den Mitteln der Ironie
oder gar des Sarkasmus bedient. Hinzu kommen die eingeknüpften biblischen
Bezüge und viele sprachliche Bilder. Dabei wird die Kirche/ Gemeinde
mehrheitlich als die Braut Christi dargestellt, symbolisiert in einer
sprachlichen Person, einer Frau. Diese Person wird zum "Du",
zum Gegenüber - für Anklage und Zuspruch, beißende Kritik
und zärtlichste Hingabe. Die Ehe zwischen Mann und Frau als Sinnbild
für Jesus und seine Braut, die Gemeinde - diese in Wortspiele getauchten
biblischen Wahrheiten machen schwierige theologische Inhalte anschaulich.
Dennoch, Mitdenken muß man zwangsläufig beim Studium seiner
Texte, da führt nichts dran vorbei. Er gibt keine direkten Antworten,
sondern die entstehen erst beim Zuhörer, nachdem dieser sich mit
der Materie vertraut gemacht hat. Es geht auch nicht um "Antworten",
es geht um ein Nachdenken über die Kirche/ Gemeinde an und für
sich, wie ist sie und wie sie sein sollte.

Derek Webb singt von menschlich-gemeindlicher Unaufrichtigkeit, aber genauso
von Jesu Hingabe für seine Braut, der sie liebt, auch wenn diese
hurt. Er hämmert den frommen Gemeinschaften ein, hinzugehen, nähmlich
Gottes Liebe der Welt zu bringen. Er warnt eindringlich vor Lüge,
Anpassung und Heuchelei. Und er wirbt für ganze Hingabe: Wenn Gott
unser Geld will, kann er auch unsere Miete zahlen (vgl. # 8, "saint
and sinner"). Bei allen sinnfälligen oder versteckten Pointen,
Webb redet nicht einem Gutmenschentum das Wort, er moralisiert nicht,
ist auch kein abgehobener Intellektueller. In beinahe erschreckender Demut
stellt er sich selbst als Sünder dar und reiht sich in die weltweite
Schar der unperfekten, trotzdem perfekt geliebten Glieder von Jesu Himmelsbürgerschaft
ein.

Ein Schlüsselvers des Albums steht wohl im Stück "wedding
dress" (# 6), wo es heißt: »...bin ich so leicht zufrieden,
mit dem so sanften Ruf der Liebhaber, sodaß ich ein bißchen
Geld Deinem bloßen Fleisch und Blut vorziehen würde.«
Erstaunlich ist die Verwegenheit und Kühnheit des Liedermachers,
mit der er das Thema besetzt, wo die christliche Musikindustrie und Höhrerschaft
lieber was "Geschmackvolles" und "Ohrenkitzliges"
erwarten mag. So aber läuft der Hase nun einmal nicht. Letztlich
ist die Botschaft die: Akzeptiert das Evangelium allein als unsere Quelle
für geistliche Erfüllung und hört auf nach irdischem Ersatz
für diese Wahrheit zu suchen.
Mit der Musik Amerikas

Tja, was wäre all die theologische Schwere eines Bibelschul-Gemeindeseminars,
würde sie nicht mit einem Löffel Honig verabreicht? Diese liebliche
Frühtracht setzt sich zusammen aus einem Medley der Musikstile Amerikas:
Der Troubadour und seine Spielleute servieren feinsten Country, Folk,
eine gute Portion Blues und natürlich Akustik-Pop, alles ohne eine
traditionelle Hymne zu vergessen! Seine Ehefrau Sandra
McCracken leistete ihm übrigens gesangliche und kompositorische
Unterstützung. Mit Jars Of Clay
wurde gleich eine gesamte Band aktiv, unter anderem beim genialen "take
to the world" (# 3). Aber auch andere bekannte Musiker sind zu hören,
so etwa Phil Madeira, Kenny Meeks (produzierte zusammen mit Derek) und
Sara Groves!

Der Titelsong (# 2) ist eine Kirchen-/ Gemeindehymne von William Gadsby
aus dem 19. Jahrhundert, die hier im feinen Folk-Gewand erstrahlt. In
"crooked deep down" (# 10) dürften Country-Freunde einen
neuen Favoriten finden. Überzeugend sind alle, die fetzigen Abgehnummern
und die zerbrechlich wirkenden Akustik-Balladen. Die Melodien erschließen
sich erst richtig nach mehrmaligem Anhören, doch das spricht für
sie. Zudem beweist der Singer/Songwriter hier einmal mehr sein Gespür
für gute Refrains, ähnlich wie bei seinem Wirken in der Caedmon's
Call-Zeit.

Fazit: solch Radio- und Gemeindeklampfen-kompatible Musik mit geistlicher
Substanz ist äußerst rar gesät. Doch fern davon, eine
antiquarische Rarität zu sein, beweist Derek Webb mit seinen Liedern,
daß das Thema Kirche/ Gemeinde ein herausforderndes Thema für
jedes Kirchen-/ Gemeindeglied ist. Wie er das macht, ist faszinierend
- in Wort und Klang!
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