Tara Leigh Cobble
"here's to hindsight – letters to my former self"

( 2006 Relevant Books / online )
Eine junge Frau in ihren Zwanzigern schreibt bereits ihre Lebensgeschichte auf? Tatsächlich! In "Here’s to Hindsight – letters to my former self" blickt die amerikanische Sängerin-Songwriterin Tara Leigh Cobble auf ihr Leben zurück. Sie tut dies nicht, weil sie ach so berühmt wäre, sondern weil sie anhand ihrer Erlebnisse aufzeigen möchte, dass Gott da ist, in unserem Leben wirkt, uns durch Menschen und Umstände, Erfolge und Fehlschläge formt und führt. "Hindsight" im Titel des nur in Englisch erhältlichen Buches steht für dieses oft erst nachträgliche Erkennen von Gottes Hand und Plan.
Wenn das kindliche Glaubensgerüst ins Wanken
gerät

In einem plauderigen Stil, mit frischem Humor, aber auch Nachdenklichkeit,
erinnert sich Tara Leigh an prägende Lebensstationen: ihre Kindheit
in einem christlichen Elternhaus (streng, aber glaubwürdig) und mit
fünf älteren Geschwistern – der Schritt aus der Geborgenheit
christlicher Lehranstalten an die öffentliche Schule, wo sie als
Mauerblümchen und "Miss Perfect" ihre liebe Mühe hat
– ein früher Burnout – der erste, unbefriedigende Job – das College
– dann der Ruf in die Musik, der sie nach Nashville führt – das anstrengende
Leben aus dem Koffer. Es geht ihr dabei nicht um ein Abhaken von Äusserlichkeiten,
sondern um ihre innere Entwicklung. Und vor allem um ihren Draht zu Gott.

Denn was die 4-Jährige bei der Taufe in der Baptistengemeinde glaubte,
unterscheidet sich vom Gottesbild der Schülerin, die nach einer Schummel-Geschichte
Römer 12 erst richtig verstehen lernt und was es heisst, Erlösung
nötig zu haben. Und wie sich das Gewissen übertölpeln lässt,
lernt sie spätestens im Kundendienst eines Warenhauses, wo sie Teile
für sich selber abzweigt. Es sind Begegnungen mit Versuchung, die
ihr scheinbar abgesichertes Glaubensgerüst ins Wanken bringen. Nein,
an Gottes Existenz hat sie nie gezweifelt. Aber sie fragt sich, wie sie
ihm antworten will. Das mit der Muttermilch eingesogene Christsein wird
auf eine harte Probe gestellt vom Leben da draussen und vom Ego in ihr
drin ...
Scheinbare Freiheit und göttliche Freiheit

Schonungslos schildert Tara Leigh ihre Suche, ihr "neues Leben" nach der High School und seine trügerische Freiheit. Und dann die Ernüchterung, als sie Jesus wirklich zu vermissen beginnt und der Wunsch in ihr wächst, Gott zurückzulieben und enge Gemeinschaft mit andern Christen zu haben. Erstaunlich ehrlich lässt sie uns auch in ihr Single-Herz blicken, beschreibt Sehnsucht, Gefühlswust und Beziehungskrämpfe. Tief sitzt die Furcht, von anderen Menschen verlassen zu werden. Und an manchem Tag sieht sie sich ganz auf Gott zurückgeworfen, versucht vom Smalltalk weg zu echtem Beten zu finden und staunt, wenn sie sein Wirken in ihrem schwierigen Herzen spürt. Eine Erkenntnis gräbt sich ihr tief ein: "Heilung erfolgt, wenn du nahe beim Heiler bist." Und später: "Ohne Jesus sind wir verzweifelte Wracks."
Natürlich fliessen auch viele Infos über ihr Musiker-Leben ein,
an dessen Anfang ein gebrochenes Herz steht. In Tagebuchnotizen begleiten
wir sie "on the road" (eine halbe Million Meilen im Toyota Camry
in 6 Jahren!). Wir lernen Mentoren, Mitmusiker, Freunde und Helfer kennen,
schmunzeln über manche Anekdote, erfahren aber auch die Schattenseiten
des Indie-Daseins: lange Autofahrten, spärliches Publikum, fehlendes
Nachtquartier, ausbleibende Honorare, Tour-Koller und immer wieder Einsamkeit.
Ohne sich auf nennenswerte Vorkenntnisse stützen zu können,
fühlte sich Tara Leigh auf diesen Weg geschickt, als ihr persönliches
"Ninive", wie sie schreibt. Nashville entpuppt sich als unerwiderte
Liebe, immer stärker zieht es sie nach New York. In einem engagierten
Kapitel erklärt sie auch, warum sie keinen Starruhm anpeilt, ihren
Selbstwert nicht in der Karriere suchen will und warum sie keinesfalls
mit ihren berühmteren Kollegen tauschen möchte. Ich glaube es
ihr.
Schlüsselbegegnungen und Puzzleteile

Tara Leigh erzählt ihre wahren Geschichten farbig und flüssig,
mit Vor- und Rückblenden und viel direkter Rede. Passend dazwischengestreute
Liedzitate bilden den Soundtrack ihres Lebens ab, und oft spielt sie auf
Filme und TV-Shows an. Man versinkt förmlich in ihre "Beichte",
versucht ihre Gedanken und Entscheidungen nachzuvollziehen, auch wenn
man selber womöglich an einem ganz anderen Punkt steht. Es ist eindrücklich
zu sehen, wie Gott ihr Umstände und Menschen (die Ausgeflippte, den
Missionar, den Herzensbrecher, die Demütige, den Kommunisten usw.)
über den Weg schickt, die nicht immer angenehm sind, aber einen wichtigen
Eindruck hinterlassen. Es sind Puzzleteile, die im Augenblick vielleicht
unbegreiflich scheinen, die aber im Gesamtbild ihres Lebens einst unerlässlich
sein werden.

Kurz: topspannend, humorvoll, aber auch herausfordernd, besonders wohl
für jene, die wie Tara Leigh Cobble ihren von Kindheit an vertrauten
Glauben mit dem Leben abzugleichen versuchen. In ihren "Briefen an
mein früheres Selbst" verarbeitet die Musikerin ihre Erlebnisse
nicht nur für sich selber, es fallen auch jede Menge Augenöffner
und Impulse für den Leser ab. Und es wächst der Wunsch, Gottes
Fingerzeige im eigenen Leben sehen zu lernen.
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