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Eine kritische Sicht auf die fromme Musik-Szene

Arno BackhausWir befinden uns 10.000 Meter über dem atlantischen Ozean der frommen Subkultur. Ich bitte sie sich anzuschnallen, daß Stöhnen und Meckern einzustellen. Schauen sie nach rechts aus dem Bugfenster und genießen sie den Ausblick auf ein ausgefallenes Triebwerk innerhalb der Künstlerszene. Von den Nichtschwimmer verabschieden wir uns und zu den Schwimmern sagen wir "auf wiedersehen".

Leviten hatten zur Zeit des Alten Testamentes die Aufgabe, ausschließlich Musik zu machen. Ich werde versuchen Euch heute die Leviten zu lesen. Ich denke, daß wir immer wieder Mut zur Eindeutigkeit und zur Zuspitzung finden sollten. Ich bemühe mich darum, wobei ich bei meinen Gedanken eher an die etwas Älteren von uns denke, die sich schon öfters auf Bühnen bewegen, weniger an die, die noch nie "oben" standen.

Ein Prophet hatte die Aufgabe, etwas offenbar zu machen, was noch nicht offenbar war, vergessen oder verdrängt wurde. Liedermacher (Bob Dylan) sind oft Propheten, sie sind das Sprachrohr für unangenehme Dinge, die dennoch gesagt werden müssen. Vielleicht bin ich ein Liedermacher.

Was sind wir?
Sind wir Missionare oder Evangelisten? Sind wir Hobby Mucker die zufällig eine christl. Botschaft haben?(wir könnten genauso gut Kaninchen züchten oder Bierdeckel sammeln). Sind wir möchtegern Stars im christl. Szene-Underground der frommen Subkultur? Sind wir die christl. George Michaels, Whitney Houstens, Grönemeyers oder was?

Was wollen wir?
Wollen wir eigentlich noch dem Veranstalter und dem Publikum dienen? Wenn ich mir so manches Orga-Blatt anschaue, habe ich mehr den Eindruck, daß der Veranstalter doch bitte uns zu bedienen hat. (vor einiger Zeit las ich ein Orga-Blatt, auf dem unter Punkt 11. dem Veranstalter verboten wurde, Gesprächsmöglichkeiten anzukündigen).
Was wäre, wenn der Veranstalter uns ein Orgablatt zuschicken würde, was wir zu erfüllen haben?

Manchmal habe ich den Eindruck, wenn ich mir so einige Artikel aus der frommen Szene durchlese, daß es uns nur noch um Geld und Verkäufe geht, um Ehre und Anerkennung, um Erfolg und Bekanntheitsgrad, Entertainment und Pflege der Szene, aber doch nicht mehr um so simple Botschaften wie Jesus und seine bedingungslose Liebe.
Das kennen wir doch nun schon langsam. Damit haben wir Veteranen doch angefangen, in den 70er Jahren, als wir mit HippiHaaren, Rauschebart und Birkenstock-Sandalen unter dem fahlen Neonlicht der Gemeindehaus-Deckenleuchte die Wilden fromm und die Frommen wild gemacht haben, mit unseren Einsätzen (heute heißen die "Gigs"). Aber Leute, wir entwickeln uns doch weiter, wir wollen doch nicht stehenbleiben.

Fortschritt nennt man das. Wir schreiten immer weiter fort von Gott.

Was wollen wir eigentlich auf der Bühne?
Wollen wir Reich Gottes vermitteln oder uns? Mir kommt es so vor, als wenn wir auf der Bühne verbal immer von Gott sprechen, aber uns meinen. Wir leben etwas anderes, als wir sagen. (Rio Reiser: Alles Lüge)

Straßenaktion: "Ich hab keine Zeit". Entscheidend ist, was wir leben, nicht was wir sagen, nicht was wir proklamieren oder predigen. Sind wir wahrhaftig?

Selbstbewußtsein, Persönlichkeit & geistliche Integrität
Warum spüre ich Gottes Nähe bei den einen und bei den anderen weniger oder gar nicht? Ich kann geistlich nur etwas über die Rampe bringen, wenn ich als Künstler eingebettet bin in eine konkrete Gemeinde- und Hauskreisarbeit, ich komme später darauf noch näher zurück. Und soll mir keiner kommen, mit dem allseits bekannten Argument, daß Konzerte, Berufs- und Familienleben keine intensive Gemeindearbeit ermöglichen.

Wer von uns eine lebendige Beziehung zu Jesus hat, und nicht nur vom längst Vergangenen zehrt, dem wird es das Publikum abspüren. Auswendig gelernte fromme Statements werden niemanden bewegen. In erster Linie kommt es nicht auf ein besonders christliches Vokabular an, sondern auf die eigene Persönlichkeit, ob sie echt, ob sie authentisch ist.

Und hier habe ich meine große Anfrage an uns. Und besonders an das fahrende Fußvolk wie Liedermacher, Bands, Mimen, aber genauso an viele Evangelisten und Prediger, an vollzeitige Mitarbeiter von Werken und Verbänden. An uns Nichtseßhaften. Auch an viele "Ehrenamtliche". Das ist ja ein interessantes Wort. Ist das Amt eigentlich für mich eine Ehre oder bekomme ich durch das Amt Ehre?

Die Bühne ist unwichtig
Die Bühne ist nicht der Ort, auf dem die christl. Künstler leben, sie ist eigentlich völlig unwichtig für unser Leben. Sie ist eher gefährlich, denn es hat sich bei etlichen Künstlern und Evangelisten ein Bühnenchristsein entwickelt, das nur hält, wenn keiner hinter die Maske, hinter die Bühne und Fassade schaut. (Manche Künstler, die die Bühne für ihren Selbstwert, für ihr Selbstbewußtsein brauchten, sind geplatzt wie eine vorher wunderschöne Seifenblase). Selbstmord: Vince Ebo aber auch deutsche christl. Musiker - auch von den heutigen Top-Acts, Top-Evangelisten werden morgen einige nicht mehr da sein, sie werden sich im Alkohol verlieren, manche lassen sich scheiden, sind plötzlich ohne triftigen Grund weg vom Fenster.

Viele brauchen die Bühne um an ihren Selbstwert zu glauben. Ist doch klar, jeder braucht Anerkennung und Liebe. Und wenn ich die zu Hause, bei meinem Partner und in der Gemeinde, im HausKreis nicht mehr bekomme, weil ich denen halt nichts mehr vormachen kann...ja, dann gehe ich halt auf die Bühne. Ich möchte mich wohl fühlen.

Ich habe so manche Menschen erlebt, die wirkten auf der Bühne unendlich selbstbewußt und stark, hat man sie im Umkleideraum oder nach einem Auftritt oder einer Predigt hinterfragt oder kritisiert, waren sie gar nicht fähig Kritik anzunehmen, waren sie verletzt und empfindlich, haben mit Worten um sich geschlagen. Da war aber überhaupt nichts mehr von Selbstbewußtsein und Stärke, dies schillerte nur wie ein faszinierender Luftballon auf der Bühne herum, der hinterher mit einem Riesenknall zerplatzte.

Mir kommt es so vor, daß viele Musiker, Künstler und Evangelisten ihr Selbstbewußtsein auf der Bühne, vor Mikrofonen und Scheinwerfern, vor Publikum produzieren. Das Publikum braucht weniger sie, als der Redner das Publikum. Sie werden beklatscht und bewundert, sie sind der Star des Abends, sie stehen im Mittelpunkt, wer will das nicht?

Das Problem ist nur, das Bühnenleben ist wie McDonalds, leicht verdauliche Kost, das nährt nicht. Das ist Plastik, das ist nicht das Leben. Bühne kann eine absolute Sucht werden.
Wenn es so leicht ist, Anerkennung zu bekommen, ja Leute, was will ich mehr? Wenn es so leicht ist, meine Schwächen und mein Versagen, meine Falten im Gesicht, im Gehirn und im Herzen verstecken zu können, ja Leute, da kann mir doch nichts besseres passieren, als meinen Terminkalender vollzuknallen.

Gemeinde & Hauskreis
Was will ich dann noch in einer Gemeinde, denen ich nichts mehr vorspielen kann, weil sie alles schon von mir kennen, und auch langsam meine verkorkste Persönlichkeit kennenlernen?

Warum stellen wir uns nicht der Herausforderung einer Gemeinde, eines Hauskreises?
Haben wir Angst vor unserer Wirklichkeit? Daß die anderen uns die Wahrheit über uns sagen? Wenn dies der Fall ist, dann laßt uns doch aufhören, auf der Bühne anderen zu sagen, daß Gott uns liebt. Wenn ich nicht nur an Gottes Liebe glaube, sondern aus ihr heraus lebe, werde ich dankbarer für die Korrektur und die Ermutigung meiner Mitmenschen. Angst vor der Wirklichkeit hat oft zur Folge, daß ich bestimmte Dinge verdränge. Nur irgendwann wird mich die Wirklichkeit einholen, früher oder später.

Warum stellen wir uns nicht der Herausforderung einer Gemeinde, eines Hauskreises?
Daß wir keine Zeit haben, stimmt einfach nicht. Wir können weitgehendst unsere Zeit selbst einteilen. Und jeder füllt seinen Terminkalender mit den Dingen, die ihm wichtig sind.


Warum üben wir nicht die Gemeinschaft mit Menschen, die uns lieben, obwohl sie uns kennen?! Das ist ja der entscheidende Unterschied zur Bühne:

  • unser Publikum liebt uns, weil es uns kennt. Nur, für diese Anerkennung kannst du dir nichts kaufen, gar nichts,

  • die ist für deine Persönlichkeitsstruktur keinen Pfennig wert.

  • Sie betäubt, - sie macht nicht wach, sondern schläfert ein,

  • auf diese Liebe kannst du verzichten, weil sie deine Persönlichkeit lähmt.


Wo haben wir einen Kreis von Menschen, die uns konstruktiv hinterfragen, die uns begleiten, die uns nicht bestätigen, sondern mit Hammer und (Sichel) Meißel an uns arbeiten, die uns ermutigen und korrigieren, die uns nicht fertig machen aber fertigmachen.

Warum fällt es uns so schwer in die zweite Reihe zu steigen, nicht zu leiten, sondern uns leiten zu lassen, nicht den anderen zu sagen, was man machen sollte, sondern uns sagen zu lassen, was unsere Aufgabe wäre. Das gilt natürlich auch für jeden Pfarrer, Prediger und Pastor. Wo arbeiten wir mit anderen an unserer Persönlichkeit? Wo haben wir Räume und Menschen, bei denen wir ehrlich sein können? Und schieb jetzt nicht den schwarzen Kater wieder den anderen bösen Christen zu.

Wenn ich nicht nur an Gottes Liebe glaube, sondern aus ihr heraus lebe, - dann falle ich in kein gefühlsmäßiges Loch, in keine Depressionen und Selbstanklagen, wenn ich versage, wenn ich Mist baue und schuldig werde, dann falle ich in Gottes liebende Hände.

Wenn ich aus seiner Liebe heraus lebe, - dann reagiere ich gelassen, ruhig, barmherzig, wenn mich andere kritisieren und hinterfragen. Ich lebe ja aus der Anerkennung Gottes heraus, nicht mehr aus der Anerkennung anderer, oder vor mir selbst. Ich lebe immer streßfreier, immer unkomplizierter, immer gelassener, ich finde meinen Selbstwert immer weniger in meiner Leistung und Anerkennung, in meinem Erfolg sondern in Gottes Liebe.

Wenn ich kritisiert werde, wenn ich versage falle ich in kein Loch, sondern in Gottes liebende Arme. Wenn ich super bin, Erfolg habe, eine wahnsinns Leistung abgeliefert habe und alle begeistert von mir sind, dann gehe ich nicht auf wie ein Hefekloß, werde nicht stolz und überheblich, weil ich ja in Gott ruhe, nicht in meinem Erfolg.


Wir investieren unendlich viel Zeit, Liebe und Geld in unser musikalisches, künstlerisches, programmäßiges und pressemäßiges Outfit. Vielleicht nur, damit man unsere geistliche und persönliche Müllhalde, unser Infit nicht entdeckt?

  • Manche Akteure schwitzen unter einer Scheinwerfer-Batterie, mit der man eine Viehauktionshalle beheizen könnte.

  • Die Prozessoranlagen zaubern aus harmlos wirkenden Miniaturboxen wahre Preßlufthämmer hervor.

  • Pyroblitze durchzucken die in Nebelschwaden gehüllte Bühne und lassen schemenhaft ein paar tanzende GoGo-Girls im schwarzen Mini erkennen.

  • Im Zuschauerraum wogt eine für die knapp kalkulierten Finanzen des Veranstalters viel zu kleine Zahl von Fans und versucht sich mit Hilfe rhythmischer Zuckungen über das Fehlen von Sitzgelegenheiten hinwegzutrösten.
  • Der christliche Markt ist übersättigt mit rundfunktauglichen Produktionen...


Und wo bleibt der Heilige Geist? Der wehte schon immer, wo er wollte.....
Und wo bleibt die Persönlichkeit? - Und die Wahrhaftigkeit?


Psalm 131

  • wo kommen wir zur Stille

  • wo ruhen wir

  • wo ist unsere Mitte

                                                     —Arno Backhaus für CCM-Rezis, März 2001


Erscheinungsdatum:
30.8.2002
Redakteur: David Decker für CCM-Rezis

weitere Artikel/ Rezensionen - siehe Arno Backhaus-Künstlerseite >>
 


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