Amy
Grant: Vom Aufstieg und Fall eines christlichen Superstars

Je höher sie stieg,
um so weniger war sie fromm

Als "Michael Jackson der
Gospel-Szene" hat die Tageszeitung New York Times die Sängerin
Amy Grant bezeichnet. Der Superlativ paßt. 20 Millionen Tonträger
hat sie verkauft. Funfmal wurde sie mit einem Grammy ausgezeichnet, dem
wichtigsten Musikpreis der Welt. Als erste fromme Interpretin schaffte
sie es auf Platz 1 der internationalen Verkaufshitparaden. Seit 25 Jahren,
als sie ihre erste Platte aufnahm, ist Amy Grant nicht wegzudenken aus
dem christlichen Musikgeschäft. Anläßlich ihres Karriere-Jubiläums
hat sie eine neue, mittlerweile ihre 17., CD herausgebracht: "Legacy"
(Vermächtnis). Der Rückblick auf ihre Laufbahn stimmt freilich
etwas wehmütig. Denn das Brave-Mädchen-Image hat zuletzt einige
Kratzer bekommen. Auch das hat sie mit dem skandalerprobten Michael Jackson
gemeinsam: Auf den Auf- folgte der Abstieg.
Von Markus Spieker
Vielleicht ging am Anfang alles zu glatt: Amy
Grant wuchs im US-Bundesstaat Georgia auf, der Herzregion des amerikanischen
"Bibelgürtels". Sie war die älteste von vier Töchtern eines erfolgreichen
Krebs-Spezialisten, besuchte die evangelische "Church of Christ". 1977
schickte die damals 16jährige eine Demo-Kassette mit selbstgeschriebenen
Songs an eine Plattenfirma. Prompt bekam sie einen Vertrag. Ihr Debütalbum
verkaufte sich 250.000mal. 1979 katapultierte sie der Song "My Father's
Eyes" auf Platz 1 der christlichen Hitparaden. Drei Jahre später gelang
ihr der endgültige Durchbruch mit der Platte "Age to Age". Darauf befanden
sich die modernen Lobpreis-Klassiker "El Schaddai" und "Sing Your Praise
to the Lord", die selbst hartnäckige Traditionalisten mit dem trendigen
Sound versöhnten.
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"AUS
DER EHE ENTLASSEN": Amy Grant und ihr
erster Ehemann Gary Chapman. |
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Amy
Grant mit ihrem zweiten Ehemann Vince Gill
und Töchterchen Corinna. |
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Säkulare Kritiker rümpften die
Nase über "Sakral-Pop"
Die säkularen Kritiker rümpften zwar immer noch die Nase über den seichten
Sakral-Pop, aber mit den Nachfolge-Alben "Straight Ahead", "Unguarded"
und "Lead Me on" räumte Amy alle Zweifel an ihrem künstlerischen Kaliber
aus. Im Zentrum der Texte stand immer noch Gott, aber der Klangteppich
war rockiger, kantiger. Auf der Plattenhülle zu "Unguarded" zeigte Amy
Grant einen sexy Hüftschwung und eine Jacke mit einem ultracoolen Leopardenmuster.
In einem Interview mit dem Musikjournal "Rolling Stone" plapperte sie
offenherzig über das Nacktbaden in Südafrika und über die sexuellen Bedürfnisse
moderner Christen. Starker Tobak für den "Bibelgürtel", aber durchaus
verkaufsfördernd. Was den Star vom Heiligen unterscheidet, ist schließlich
die emotionale Nähe zu seinen Fans. Und die identifizierten sich gerne
mit der koketten Südstaaten-Schönheit, die fromme Hingabe mit unbekümmerter
Lebenslust verband. Endlich eine von ihnen, die auch jenseits des Kirchenghettos
Anerkennung fand! 1987 stand Amy Grant mit "Next Time I Fall" an der Spitze
der amerikanischen "Top 100", allerdings nur als Begleitsängerin des Rock-Veteranen
David Cetera. 1991 schaffte sie es dann solo. "Baby, Baby" wurde zum Sommerhit
des Jahres. Christen von Sao Paulo bis Stuttgart, stolz auf die erfolgreiche
Glaubensschwester, trällerten den Ohrwurm-Refrain ausgelassen mit.
Das Christliche ging immer mehr zurück
Der 30jährigen Amy Grant lag buchstäblich die Welt zu Füßen. Das Boulevardmagazin
"People" wählte sie unter die "50 schönsten Menschen der Erde". Derartig
breiten Zuspruch bekommt man meistens nur, wenn man auf Tiefgang verzichtet.
Je höher Amy Grant in den Hitparaden stieg, um so mehr schraubte sie den
christlichen Textanteil zurück. Auf den CDs "Heart in Motion" (1991) und
"House of Love" (1994) überwog keimfreier Schmusepop. Und wenn man im
Beiheft zu "Behind the Eyes" (1997) die Liedtexte durchlas, suchte man
vergeblich nach "Gott" oder "Jesus". Die Kassen klingelten, aber die fromme
Musikszene hatte ein Problem: Verdiente eine Platte, die ohne jeden Glaubensbezug
auskam, überhaupt das Attribut "christlich"?
Sucht- und Ehe-Therapien
Dazu kamen wenig später die Eheprobleme von Mrs. Grant. 1982 hatte sie
den drei Jahre älteren Gary Chapman
geheiratet: Predigersohn, Sänger, Liedermacher. Die meisten Stücke auf
"Age to Age" kamen aus seiner Feder. Dafür wurde er von christlichen Kollegen
als "Songschreiber des Jahres" ausgezeichnet. Zwischen ihm und der "Sängerin
des Jahres" funkte es. Aber schon wenige Jahre nach der Hochzeit drohte
der Ehe-GAU, als Amy merkte, daß ihr Mann alkohol- und kokainabhängig
war. Es folgten monatelange Sucht- und Ehe-Therapien. Aber das Paar blieb
zusammen. In Interviews mit christlichen Zeitschriften erzählten sie freimütig
von ihrer Ehekrise. Gary gab zu, daß er manchmal darunter litt, im Schatten
seiner Superstar-Gattin zu leben: "Wenn ich im Vorprogramm zu ihrer Show
auftrete, kratzt das ganz klar an meinem Ego." Aber, so versicherten beide,
die "steinigen, wilden Zeiten" waren jetzt vorbei, die Ehe hatte "neuen
Schwung" bekommen. Die christliche Szene atmete auf. Denn Mitte der neunziger
Jahre meldeten die frommen Prominenten reihenweise Beziehungsbankrott
an. Erst Michael English, der mit der ebenfalls verheirateten Sängerin
von "First Call" eine Affäre hatte. Dann Sandi Patty und Susan
Ashton, die ihre Ehemänner für neue Liebhaber verließen. Balsam für
die geplagte Christenseele war da der Anblick, den Amy und Gary im Sommer
1994 auf dem Titelblatt des Musikjournals "CCM" boten: eng umschlungen.
"Gott hat mich aus dieser Ehe entlassen"
Im Herbst desselben Jahres sagte Amy ihrem Mann, daß sie ihn nicht mehr
liebe. Immerhin verließ sie ihn nicht sofort, sondern ließ sich zu weiteren
Therapiesitzungen überreden. Gary erzählte später, daß er Amy mehrfach
"auf Knien angefleht" hatte, ihn nicht zu verlassen, vor allem wegen ihrer
drei Kinder. Aber 1998 wollte Amy nicht mehr. Sie ließ sich scheiden und
heiratete ein Jahr später den Country-Sänger Vince Gill, mit dem sie seit
1993 eine Freundschaft verband. Die christliche Öffentlichkeit wurde 1999
vor vollendete Tatsachen gestellt. Amy betonte: "Gott hat mich aus dieser
Ehe entlassen." Und: "Gott ist ein Gott der zweiten Chancen." Bei ihrem
Seelsorger hatte sie nämlich gelernt: "Die Ehe ist dafür da, daß zwei
Menschen sich aneinander freuen können. Wenn aber das Gegenteil der Fall
ist, wenn Menschen dadurch innerlich krank werden, dann kann die Ehe aufgelöst
werden." In ihren Interviews tauchten dutzendweise die Begriffe "Verletzung"
und "Heilung" auf, von "Sünde" und "Reue" war kaum die Rede.
Tage als Superstar gezählt?
Die öffentliche Empörung hielt sich in Grenzen. Die meisten nahmen achselzuckend
zur Kenntnis, daß Christen allmählich nicht nur in den Hitparaden, sondern
auch in den Klatschspalten zur "Welt" aufschlossen. Die Zeitschrift "Christianity
Today" stellte die rhetorische Frage, ob für christliche Musiker nicht
die gleichen hohen Standards gelten sollten wie für Pastoren.
Was die Jugend erwartet
Nur - nur welche Konsequenzen sollten bei Amy Grant gezogen werden: Womöglich
ein Boykott? Tatsächlich nahmen einige Geschäftsinhaber ihre Platten aus
dem Sortiment. Einige enttäuschte Fans demonstrierten vor den Konzerthallen,
in denen Amy Grant und ihr "Neuer" gemeinsam auftraten. Amy Grants als
Superstar, so scheint es, sind ohnehin gezählt. Auf ihrer neuen CD "Legacy"
singt sie, mittlerweile 41 Jahre alt, Kirchenhymnen à la "Welch ein Freund
ist unser Jesus". Der Kritikertenor ist lauwarm. "Dieses Album ist ein
kläglicher Versuch, die christliche Szene zufriedenzustellen", schreibt
ein jugendlicher Internet-Rezensent. "Aber meine Generation erwartet von
christlichen Künstlern, daß sie ihren Glauben tatsächlich leben."
(Der Autor ist promovierter Historiker
und Fernsehredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig.)
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