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Jazz,
Gospel, Soul, Country, Rock, Rap und Oratorien: 50 Stücke, die Christen
kennen sollten
50 christliche Musik-Klassiker
Musik
gehört zum Alltag fast aller Menschen ganz selbstverständlich
dazu. Hartmut Spiesecke (Musikexperte) und Markus Spieker (Journalist,
beide Berlin) haben sich auf die Suche nach 50 christlichen Klassikern
gemacht. Zu ihrer Hitliste gehört das Weihnachtsoratorium
von Johann Sebastian Bach ebenso
wie "Amazing Grace", gesungen von Elvis
Presley, oder Dietrich Bonhoeffers "Von
guten Mächten wunderbar geborgen" in der Vertonung des Liedermachers
Siegfried Fietz. Natürlich
erhebt diese Liste nicht den Anspruch eines abschließenden Kanons.
In dieser Ausgabe stellen wir Jazz, Gospel, Soul, Country, Rock und Liedermacher
vor. In einem zweiten Teil werden
klassische Weihnachts- und Passionsstücke, Oratorien, Messen und
Konzertmusik vorgestellt.
» Auswahl:
Jazz
Duke Ellington/Mahalia Jackson: Black, Brown and Beige (1958) Columbia.
"Duke" Ellington (1899-1974) setzte als Pianospieler und Orchesterchef
Maßstäbe, vor allem aber als Komponist. Aus seinen fast 1.000
Stücken ragt "Black Brown
and Beige" durch das gewichtige Thema heraus: den Kampf der afro-amerikanischen
Minderheit um Freiheit und Gleichberechtigung, aber auch das anhaltende
Gottvertrauen. Ellington war kein regelmäßiger Kirchgänger,
bezeichnete sich aber als gläubigen Christen, der die Bibel mehrfach
durchgelesen hatte. Mahalia Jackson singt, als könnten sie keine
hundert Sklaventreiber vom Gottesdienstbesuch abhalten: »Oh,
Sonntag, komm! Das ist der Tag!«
John Coltrane: A Love Supreme (1964), Universal.
Sein halbes Leben hatte John Coltrane abwechselnd an der Flasche und an
der Nadel gehangen. 1957 kam er von beidem los. Dafür wollte er sich
bei Gott bedanken. Mit einer 33minütigen
Ode an den Schöpfer und dessen "höchste Liebe",
in einer vierstündigen Session am 9. Dezember 1964 aufgenommen. "Lieber
Zuhörer", wandte sich Coltrane an sein Publikum, "alle
Ehre sei Gott, dem alle Ehre gebührt. Laßt uns ihm nachfolgen
auf dem rechten Weg."
Gospel
und Soul
Elvis Presley: Amazing Grace (1994), RCA.
Elvis kehrt zurück zu
seinen pfingstkirchlichen Wurzeln. Auf drei Gospel-Alben bewies er, daß
er sich aufs Hymnensingen genausogut verstand wie aufs Hüftschwingen.
Alle seine Gospel-Songs sind auf dieser Kollektion versammelt. "Ich
habe immer eine unsichtbare Hand hinter mir gespürt",
pflegte der frauenverschlingende Südstaaten-Dandy im Freundeskreis
zu sagen, "es muß schließlich einen
Grund geben, warum ich ausgewählt wurde, Elvis Presley zu sein."
Das Singen hatte Elvis im Chor der pfingstkirchlichen "Gemeinde Gottes"
gelernt. 1994 erschien die Doppel-CD "Amazing
Grace", eine Zusammenstellung aller Elvis-Gospellieder, auch
einiger bis dato unveröffentlichter.
Aretha Franklin: Amazing Grace (1972), Atlantic.
An einem winterlichen Freitagabend in Watts, einem heruntergekommenen
Stadtteil von Los Angeles, wird Gospel-Geschichte geschrieben. Tausende
drängeln sich in der Baptistenkirche, um die "Königin des
Souls" zu erleben. Aber Aretha
Franklin singt nicht ihre Nummer-1-Hits "Respect" und "Chain
of Fools". Stattdessen stürzt sie sich mit voller Stimmkraft
ins Gotteslob. Wenn sie in einer ekstatischen Zehn-Minuten-Version von
"Amazing Grace" singt »Ich war einmal verloren, aber
jetzt bin ich errettet«, klingt das wie ein Triumph"geheul".
"Amazing Grace"
ist das erfolgreichste und vermutlich beste Gospel-Album aller Zeiten.
Al Green: Greatest Gospel Hits (2000), Hi-Records.
Um dieses Album zu verstehen, muß man wissen, daß Al
Green einmal der größte Soul-Star überhaupt war. Mit
26 Jahren, 1972 hatte Al Green seinen ersten Nummer-eins-Hit, dazu viele
Partys, viele Frauen. 1973 hörte Al Green eine Stimme, Gottes Stimme,
die ihn zur Umkehr mahnte. Er nahm einen Gospel-Song auf, "Jesus
Is Waiting", und stürzte sich in noch mehr Affären. 1974
zündete ihn eine enttäuschte Ex-Geliebte an und erschoß
sich anschließend selbst. Green gelobte Gott endgültig Besserung,
1977 stellte er in dem Song "Belle" an die Adresse einer imaginären
Verführerin klar: »Du bist es, die ich will. Aber Er ist
es, den ich brauche.« 1979 verließ er das Musikgeschäft
und ließ sich zum Vollzeitpastor ordinieren.
Xavier Naidoo: Nicht von dieser Welt (1998), 3p.
Ein Album aus einer anderen Welt. Himmlische Tore, goldene Gaben, altes
Babylon und neues Jerusalem. Der "Sohn
Mannheims" scherte sich nicht um kulturelle Korrektheit und setzte
Religion quasi im Alleingang auf die Bestellisten der Plattenläden.
Mit seinem Debütalbum "Nicht
von dieser Welt" läutete Naidoo
die Renaissance der deutschsprachigen Popmusik ein. Gleichzeitig etablierte
er ein hierzulande brachliegendes Genre: den Sakro-Soul. Daß sich
hinter den überschwenglichen Texten eine ziemlich krude Theologie
verbarg, ging aus zahlreichen Interviews hervor. Das Evangelium nach Naidoo
war individualistisch, spekulativ, ohne Bezug zu einer Kirchengemeinde.
Dennoch: Ein Teenager-Idol, das sich lieber an Hesekiel und Nahum orientierte
als an John Lennon und Jim Morrison. Das hatte es bis dahin nicht gegeben.
Country,
Rock und Rap
Hank Williams: I Saw the Light (1947).
Das Lied einer Erweckung, die nicht stattfand. "Keine Dunkelheit
mehr", jauchzte der chronisch traurige Cowboy Hank
Williams, "ich habe das Licht gesehen." Fünf Jahre
später starb er an den Folgen seines exzessiven Lebensstils. Mit
"I Saw the Light"
hinterließ er dennoch eines der bewegendsten christlichen Musikzeugnisse:
»Ich wanderte ziellos herum, mein Leben voller sünde / Ich
ließ meinen lieben Heiland nicht herein / Dann kam Jesus, wie ein
Fremder in der Nacht / Lob sei Gott, ich habe das Licht gesehen / Ich
habe das Licht gesehen, ich habe das Licht gesehen / Keine Dunkelheit
mehr, keine Nacht mehr / Nun bin ich so glücklich, keine Sorgen weit
und breit / Lob sei Gott, ich habe das Licht gesehen.«
Keith Green: For Him Who Has Ears to Hear (1977), Sparrow.
Keith Green war nicht der erste,
der sich fragte, warum der Teufel die ganze moderne Musik für sich
haben sollte. Aber von allen Pionieren des frühen christlichen Rock'n
Roll hinterließ er den stärksten Eindruck. Mit 28 Jahren kam
er, zusammen mit zwei seiner Kinder, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
Da hatte er bereits vier Platten veröffentlicht und ein Missionswerk
gegründet "Last Days Ministries". Mit einem hippiehaften
Vollbart sah er aus wie einer der biblischen Propheten. Und genau an ihnen
orientierte er sich, an kompromißlosen Gottesmännern wie Johannes
dem Täufer, die im Vorprogramm von Jesus gespielt hatten, uneitle
Aufwärmer für den Allmächtigen.
Bob Dylan: Slow Train Coming (1979), Columbia.
Der Jahrhundert-Rockpoet Dylan
war schon immer für musikalische Überraschungen gut. Auf "Slow
Train Coming" holte er den schwersten Hammer raus. Mit dem Eifer
eines Neubekehrten sang er von Jesus und vom Jüngsten Gericht. Dylan
hatte sich entschieden, Jesus zu dienen. In Los Angeles schloß er
sich einer charismatischen Vineyard-Gemeinde an. Später wollte sich
Dylan nicht mehr festlegen, blieb im Ungefähren. "Ich
habe nie gesagt, daß ich wiedergeboren bin", ließ
er verlauten. Gleichzeitig bekräftigte er, daß er sowohl das
Alte als auch das Neute Testament für wörtlich wahr hielt.
Cliff Richard: Now You See Me ... Now You Don't (1982), EMI.
Adel verpflichtet. "Sir Richard", der bekannteste Christ im
Showgeschäft, mutete seinem Publikum alle paar Jahre eine frontal-fromme
Platten-Attacke zu. Auf
diesem Album kombiniert er dynamische Pop-Arrangements mit missionarischen
Texten: feingeschliffener Bekenntnis-Pop, keyboardlastig, dynamisch und
mit denkwürdigen Kompositionen.
Amy Grant: Age to Age (1982), Myrrh.
Der christliche Michael Jackson ist weiß, weiblich und hat eine
Altstimme. Wenn die "Christian Contemporary Music"-Szene jemals
eine echte Pop-Prinzessin hervorgebracht hat, dann ist es die sonnige
Schöne aus dem amerikanischen Bibelgürtel mit dem Mädchen-von-Nebenan-Charme.
25 Millionen Platten hat Amy Grant
bisher verkauft, die meisten in den 80ern und frühen 90ern. Genau
wie bei Michael Jackson war auch bei Amy Grant das zweite Album das entscheidende.
Ihr Äquivalent zu "Triller" heißt "Age to Age":
üppig arrangierter Pop mit Premiummaterial von den christlichen Songschreibern
Michael Card, Rich
Mullins und Amy Grants Gatten in spe, Gary
Chapman. Bis heute ist Amy Grant die bekannteste Vertreterin der christlichen
Musikszene.
U2: The Joshua Tree (1987), Island Records.
Die größte Rock'n Roll-Band der Welt gibt Rätsel auf.
U2 fühlen sich zwischen den Stühlen
am wohlsten, zwischen Sinnerfüllung und anhaltender Sehnsucht. Sie
loben Gott, zitieren aus der Bibel und geben dennoch zu: "Ich
habe immer noch nicht gefunden, wonach ich suche." Um heilige
Zwiespältigkeit geht es auch auf ihrem erfolgreichsten und womöglich
besten Album: "The Joshua Tree". Im ersten Song träumen
sie von einer jenseitigen Welt. Dann wieder beklagen sie sich, ganz dem
Geist des alttestamentlichen Prediger-Buchs verhaftet, über die Vergeblichkeit
aller menschlichen Anstrengungen. Angesprochen auf ihre Glaubenspraxis,
antworteten sie meistens: "Wir sind gläubig.
Aber mit Religion haben wir nichts am Hut."
Van Morrison: Avalon Sunset (1989), Polydor.
George Ivan Morrison, der geniale,
eigenbrötlerische Ire, hatte seinen Frieden gefunden: mit sich selbst
und mit Gott. Auf dem Cover von "Avalon
Sunset" schwimmt ein Schwan über einen See im Abendrot.
Alles ruhig, alles perfekt, alles klar, auch in den zehn Songs, vor allem
in der traumhaft schönen Ballade "Have I Told You Lately",
die vier Jahre später in einer weichgespülten Version von Rod
Stewart zum Hit wurde. »Es gibt eine Liebe, die göttlich
ist«, singt Morrison, von sanften Streichern begleitet. Nie
klang der rastlose Ire entspannter, nie gottesfürchtiger. Vier christlich
inspirierte Alben nahm er auf, dann verlor er seinen Glauben und seine
Ruhe.
Petra: Beyond Belief (1990), Dayspring.
Wie viele Dezibel sind zu laut für eine christliche Band, wie viele
Beats per Minute zu schnell, wie hart zu hart? Als die Kraftrocker von
Petra 1972 zum ersten Mal auftratet,
scherten sie sich nicht um solche Fragen. Petra heißt Rock, Rock
heißt Fels, und darauf wollte Jesus bekanntlich die Kirche bauen.
Also Ärmel hoch, raus mit den Gitarrenbrettern, Verstärker aufgedreht
und dem Teufel lautstark heimgeleuchtet. Petra ist die christliche Hardrock-Band,
von Kritikern als uninspirierte Muskelmusiker verspottet, von ihren Fans
verehrt. Kraftrock vom Frömmsten! Muß man hören, um es
zu glauben.
Michael W. Smith: The First Decade 1983-1993 (1993), Reunion.
Für welches Album von Michael Whitaker
Smith soll man sich entscheiden, wenn der Mann aus West-Virginia seine
größten Momente so gleichmäßig über alle verteilt
hat? Die Summer seiner Hits ist halt weit größer als jedes
Einzelwerk für sich genommen. Kein echter Meilenstein, aber lauter
entzückende Wegmarkierungen. Von "Great Is the Lord" und
"Friends" bis "I Will Be Here For You" - sie sind
fast alle drauf auf dieser Kollektion, die Hits des fleißigen Michael
W. Smith. Während Amy Grant
der christlichen Popmusik das Gesicht gab, war "Smitty" deren
Seele: ein hochtalentierter, hochintegrer "Nice Guy", der mittlerweile
so viele christliche Preise angehäuft hat, wie manche andere Künstler
Platten verkauft haben.
Run DMC: Down with the King (1993), Profile.
In den 80er Jahren waren die drei New Yorker ganz oben gewesen. Sie galten
als "Beatles" des Hip-Hop", jener neuen afro-amerikanischen
Stilform, die bald die ganze Welt erobern sollte. Hip-Hop, das war der
Oberbegriff für eine Straßenkultur, die sich aus Rap und Breakdance,
Ghetto-Slang und Graffiti-Style zusammensetzte. Nach drei Erfolgsalben
und zwei Mega-Hits kam der Absturz - und die Umkehr. Die katholisch aufgewachsenen
Simmons und McDaniels hatten in einer Pfingstkirche ein Erweckungserlebnis.
Simmons tauschte seine goldenen Halsbänder gegen Predigerbäffchen
ein und ließ sich zum Pastor, zum "Reverend Run", ordinieren.
Auf ihrem nächsten Album "Down with the King" gaben sich
Run DMC zwar immer nocht prahlerisch,
aber Selbst- und Gotteslob hielten sich nun die Waage. Statt geflucht
wurde gebetet.
Johnny Cash: The Man Comes Around (2002), Universal.
Der größte Countrystar aller Zeiten, 70 Jahre alt, in seinen
letzten Zügen. Nie hörte sich Sterben vitaler an - weil hier
einer singt, der das Beste vor sich hat. Johnny
Cash klingt zugleich lebensmüde und ewigkeitshungrig. Auf dem
letzten Album, das vor seinem Tode veröffentlicht wurde, singt er
über die große Liebe, Tod und Gott. Ein zeitloses Alterswerk,
das Gänsehaut und feuchte Augen verursacht. Im Titelsong beschwört
Cash Bilder vom Jüngsten Tag herauf: »Ein Mann geht herum,
der sich Namen notiert / Und er entscheidet, wer freigesprochen und wer
angeklagt wird / Nicht alle werden gleich behandelt werden / eine goldene
Leiter wird vom Himmel herunterreichen / Wenn der Mann wiederkommt //
Die Haare werden euch zu Berge stehen / und jeder Schluck Wasser euch
im Hals stecken bleiben / ihr werdet entweder aus seinem Abendmahlskelch
trinken / oder im Boden des Töpfers versinken / Wenn der Mann wieder
kommt.« Daß er persönlich der Wiederkunft Christi
nicht mit Horror, sondern mit Hoffnung entgegensieht, macht Cash mit Schlußlied
deutlich: We'll Meet Again.
Sixpence None the Richer: The Best of Sixpence None the Richer (2004),
Word.
Sixpence None the Richer waren zehn
Jahre zusammen, waren nie wirklich berühmt und haben sich inzwischen
aufgelöst. Woran man sich in einigen Jahren noch erinnern wird, ist
das komplizierte Bandname und der federleichte Hit "Kiss
Me": ein perfekter Popsong, der es aus dem Soundtrack zum B-Film
"Die oder keine" auf Platz 1 vieler Hitparaden schaffte. Dabei
sind viele der anderen Songs noch schöner, noch intelligenter, noch
religiöser. Ein Geheimtip, der es nicht verdient, geheim zu bleiben.
Deutsche
Liedermacher
Dietrich Bonhoeffer/Siegfried Fietz: Von guten Mächten wunderbar
geborgen (1944/1970), Abakus.
Aus seiner Zelle im Gestapo-Gefängnis von Berlin schickt Dietrich
Bonhoeffer einen letzten Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer.
Als Weihnachtsgruß legt er ein Gedicht bei: "Von guten Mächten
wunderbar geborgen". 1970 komponierte der 24jährige Siegfried
Fietz dazu eine unvergeßlich schöne Melodie; sie macht
ihn endlich hörbar, den "hohen Lobgesang", von dem Bonhoeffer
schreibt, »jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um
uns weitet«. Ein Lied für die Ewigkeit.
Manfred Siebald: Kreuzschnabel (1985), Hänssler.
"Siebald" und "christlicher
Liedermacher", das sind fast Synonyme. Der Literaturprofessor schmiedet
nicht nur kluge Verse, sondern zimmert darunter auch eingängige Melodien.
Vielleicht könnte man "Kreuzschnabel" als das "schönste"
Album bezeichnen; Aufrüttelndes und Nachdenkliches hält sich
die Waage, von "Wer liebt dich" und "Was wir so fest in
Händen halten" bis zu "So sicher wär' ich da nicht",
eine apologetische Ballade über schmelzende Eisblumen, Gräser
im Asphalt und Spötter, die irgendwann doch noch mit Gott reden.
Wenn man nicht schon lange glaubte, würde man jetzt am liebsten damit
anfangen.
--Hartmut Spiesecke, Markus Spieker
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