Einsamer
"König". Oder: Der seine Wurzeln verleugnet.

'Kevin allein zu Haus' könnte
vielleicht auch passen... Auf jeden Fall wird hier einmal "laut"
nachgedacht über einen der vielen Sternchen der sogenannten christlichen
Musikszene. Vielleicht bringt es den einen oder anderen Leser selbst zum
Nachdenken. Und vielleicht ergibt sich ja auch eine fruchtbringende Diskussion
daraus.
Kevin Max, der
eine Junge von dc Talk, ist innerhalb der christlichen Musikszene groß
rausgekommen: Zuerst mit Hilfe seiner Band dc Talk, danach auch solo.
Inzwischen scheint er aber an einem Scheidepunkt der Karriere angelangt
zu sein. Es brodelt seit einigen Monaten heftig in seinem Umfeld und der
Gerüchteküche.
Im
Sommer bis Herbst 2001 brachten alle drei dc Talker - Michael
Tait, Kevin Max und Toby
McKeehan - ihre Soloalben
auf den Markt. Womit sich die drei Herren endlich einmal selbst verwirklichen
konnten. Im Herbst desselben Jahres sorgt Kevin für Schlagzeilen, daß
er eine Auszeit braucht, um seinen geistlichen Standpunkt zu überdenken
und gleichzeitig eigene Fehler eingesteht und bereut (was allgemein hoch
anzurechnen ist!). Damit fällt die geplante Solo-dc-Talk-Tournee ins Wasser
und wird auf den Winter 2002 verschoben. Verwunderte Medienleute und teilweise
verärgerte Fans sind die Folge.
Kevin galt immer als der Intellektuelle und Rebellische
bei den dc Talk-Jungs. Sowas wie der John Lennon und Robbie Williams in
der säkularen Szene... Medien und Fans lagen und liegen ihm bedingungslos
zu Füßen. Daß er sich in den ganzen Jahren innerhalb der engen Regeln
und Konventionen des christlichen Popgeschäfts von der Realität entfernt
hatte, wurde jedoch immer offensichtlicher. Bis er Ende 2001 die Konsequenzen
zog und selbst einlenkte.
Man
muß sich die Frage stellen, inwieweit es heute schon normal ist, daß es
"christliche Stars" gibt, und das diese total abgehoben sind. Überzogene
Selbstverwirklichung scheint eine immer größere Rolle zu spielen. Kevin
hatte es offenbar auf die Spitze getrieben. In einem Interview der Zeitschrift
Cross Rhythms gab er als seine Vorbilder die Beatles an. Für jemand der
vorgibt, mit seiner Musik christliche Botschaft verbreiten zu wollen,
praktisch ein Eklat. Wer sich näher mit dem Soloalbum des Herrn Max beschäftigt,
wird feststellen, daß seine Texte wenig aussagekräftig, ja kaum verständlich
bzw. nachvollziehbar sind. Sie mögen künstlerisch anspruchsvoll sein,
für den Durchschnitts-Jugendlichen sind sie einfach zu weit weg und viel
zu verschroben. Will heißen: Man kann sich nichts draus nehmen oder alles
so interpretieren, wie man es gerade braucht.
Ein weiteres Phänomen taucht bei Kevin Max auf bzw. bei
denen, die mit ihm in Interaktion stehen, den Medien nämlich. Sie scheinen
voll auf Kevin abzufahren, egal, was er sagt oder tut, es wird alles positiv
dargestellt. Besonders das arschkriechende Gekeifer einiger Medien aus
Deutschland ist mittlerweile unerträglich geworden. Diese Vergötterung
von dc Talk und Kevin Max sucht seinesgleichen. Manchmal braucht ein Musiker
einfach nur seine Ruhe, aber nein, die Medien lassen nicht locker. Und
dann dieses ganze christliche Getue dazu. Keith Green erging es in etwas
anderer Perspektive ähnlich: Die Leute wollten ihn immer predigen hören
und konnten nicht genug von seiner Person bekommen. Wenn er sie beruhigen
wollte, wurden sie im Gegenteil noch hysterischer. - Menschenverehrung
führt auf Dauer gesehen immer in die Katastrophe.
Kevin
Max hatte im Juli 2002 seine ersten Soloauftritte in Europa, und auch
in Deutschland. Er sollte Zugpferd sein für die Veranstalter und auch
die Fans und Medien waren fast nur auf ihn fokussiert. Was er in seiner
Show abzog, war natürlich alles positiv und nur 'vom Besten' (auch wenn
es tatsächlich bessere Künstler gibt oder geben sollte...), sogar dann,
wenn er Sequenzen von säkularen Interpreten wie "Falco" mit einbaute (das
schien den Jubel nur noch zu steigern...). Es sind nun inoffizielle Gerüchte
durchgesickert, wonach er bei einem Veranstalter in Deutschland viel mehr
Geld verlangt hat, sonst wollte er nicht auftreten. Irgendwie scheint
das zu einem Kevin Max zu passen, von dem auch andere Eskapaden bekannt
sind. Als Veranstalter (egal ob fromm oder nicht) würde man so einen eigentlich
nicht mehr haben wollen. Aber bei Kevin Max kann man über alles hinwegsehen.
Eine weitere aktuelle Pressemeldung (Juli 2002) bringt
das Faß zum überlaufen: Kevin möchte nicht mehr vor christlichem Publikum
auftreten, d.h. keine christlichen Festivals mehr spielen. Dazu wurde
die fromme Phrase gereicht, er möchte jetzt lieber die "Verlorenen" erreichen
und z.B. Beispiel auch vor der Schwulen-Szene auftreten. Als erstes fragt
man sich, warum er da überhaupt noch nach Deutschland kommt, um vor wenigen
Tausend Christen aufzutreten? Und weiter: Wollte er nicht immer schon
die "Verlorenen" erreichen? Warum hat er eine solche Entscheidung wie
jetzt nicht viel eher getroffen - vor seinen ganzen Erfolgen im
christlichen Bereich? Kevin schlägt mit seinem Verhalten voll in die P.O.D.-Kerbe
rein, die verkaufen auch keine CDs mehr über den christlichen Handel und
hetzen gerne über christliche Buchhändler, Magazine usw. (um es präziser
zu sagen: sie führen einen medialen Krieg gegen eine Szene, die sie erst
hochgebracht hat). Das Problem bei Kevin ist nur, daß er im Herbst 2001
noch meinte, er müsse seinen Standort neu bestimmen und wolle wieder ein
"demütigerer Christ" sein.
Warum
verleugnet einer so sehr seine Wurzeln und wirft all denen einen Knüppel
zwischen die Beine, die ihn hochgebracht haben? Fast ausschließlich Christen
haben in Amerika und Europa seine CDs und die seiner Band gekauft. Dieselben
Leute besuchen seine Konzerte, kaufen seine T-Shirts, kreischen und bejubeln
ihn. Und die will er jetzt alle links liegen lassen. Natürlich klingt
es auf den ersten Blick ehrenhaft, wenn man nur noch "Mission" betreiben
will und die Christen erst einmal benachteiligt. Auf den zweiten Blick
muß man aber zugeben, daß auch Christen Evangelium brauchen. Und solche
Statements wie das von Kevin stimmen nach einiger Zeit sehr nachdenklich
und riechen irgendwie auch nach Heuchelei. - Ehrlich gesagt glaube ich
nicht, daß er mit seiner neuen Strategie erfolgreich sein wird: In seinem
Genre ist der Markt im säkularen Bereich bereits weit übersättigt. Außerdem
schreit die Welt nicht nach einem weiteren Pop-Messias wie Bono oder Xavier,
die im Kern nur irregeleitetes Gesabber zu bieten haben, aber kein bibelgemäßes
Evangelium. Man fragt sich besorgt, was er der Schwulen-Szene denn so
erzählen will. Toleranzapostel haben wir bereits genug. Wir bräuchten
dort eher Leute, die den Namen Jesu und Sein Heil verkünden. Das würde
den Leuten dieser Szene zuallererst helfen! Man kann echt nur hoffen,
daß Kevin hier die Kurve kriegt und sich für eines entscheidet: Entweder
christlicher Missionar, egal an welchem Ort, oder eben ganz Musiker, mit
allem, was dieses Geschäft so mit sich bringt. Beides scheint in seinem
konkreten Falle kaum vereinbar zu sein. Doch sieht sich Kevin ja gern
(oder läßt sich gern so sehen) als der große Song-Poet.
Kevin muß aufpassen, daß er nicht mal als einsamer "König"
endet. Von Fans und Medien auf einen Thron gehoben, den es eigentlich
nicht gibt. Von allen nur solange geliebt, wie er sie mit CDs und Konzerten
versorgt und dann irgendwann doch fallengelassen. Keine Fassade hält ewig.
Dann folgt Ausgebranntheit, Einsamkeit und Sinnsuche. Soweit brauch es
nicht kommen. Kevin hat immer die Chance, den ganzen "Bettel" hinzuschmeißen.
Er kann sich genauso in die Masse der "namenlosen" Christen einreihen,
die im Alltag ihren Mann stehen müssen, aber nicht als Star verehrt werden
und keine Chance haben mit Selbstverwirklichung so groß rauszukommen -
und das auch nicht wollen.
—David
Decker für CCM-Rezis, 1. & 2. August 2002
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