Der
Teufel steckt im Intervall

Was Tonfolgen über die
geistliche Welt von Komponisten verraten
Daß der Komponist Johann
Sebastian Bach (1685-1750) ein frommer Mann war, ist hinlänglich
bekannt. Sein lutherischer Glaube spiegelt sich in seiner Musik mannigfaltig
wider, etwa in der Zahlensymbolik seiner Kompositionen. Doch auch un-
und antichristliche Komponisten haben ihre Botschaft des Unglaubens in
Notenfolgen verpackt. Das jedenfalls hat der Konzertpianist Pavlos Hatzopoulos
(Stuttgart) entdeckt. Bei Gesprächskonzerten fasziniert er sein Publikum
mit geistlichen Deutungen der Musik.
VON MARCUS MOCKLER
Eines der berühmtesten Stücke Bachs ist der Choral "Jesu
bleibet meine Freude". Um die Vollkommenheit der Freude im dreieinigen
Gott zu symbolisieren, verwendet der Komponist mehrfach die Zahl drei.
Das Stück ist in einen Dreivierteltakt gegossen, innerhalb dieser Takte
stehen die Noten in Triolen. Es wirkt wie eine anhaltende, nicht zu stoppende
Bewegung der Freude, die dem verheißen ist, der an Jesus Christus glaubt.
Die letzten beiden Noten beschreiben einen Halbton nach oben. "Anabasis"
nennen das die Musikwissenschaftler. Interpretiert wird dieses Intervall
an dieser Stelle als eine Erhöhung des Menschen durch Jesus Christus.
So reflektiert die Komposition bereits ohne den gesungenen Text tiefe
theologische Aussagen "allein zur Ehre Gottes" (soli deo gloria), wie
Bach an das Ende vieler seiner Stücke
schrieb.
Das Kreuz erhöht Note und Mensch

Daß solche Deutungen keine Willkür sind, hat die Musikwissenschaft längst
belegt. Vor rund 400 Jahren entwickelte sich in der Komposition die Figurenlehre,
die jeder Tonfolge einen Namen und eine Bedeutung zuordnet. "Anabasis"
ist eine davon, deren sich Bach besonders gerne bediente, denn die Erhöhung
eines Tones um einen Halbton wird ja auf dem Notenblatt häufig durch die
Voranstellung eines Kreuzes dargestellt. Welches Symbol könnte eindrücklicher
zeigen, daß der Mensch durch das heilschaffende Handeln von Jesus Christus
am Kreuz von Golgatha erhöht wird? Bach verwendete auch die umgekehrte
Tonfolge nach unten (Catabasis), um beispielsweise den Abstieg des Sohnes
Gottes auf die Erde und nach seiner Kreuzigung den Besuch im Totenreich
akustisch zu illustrieren. Was dem modernen Hörer häufig wie ein genialer
Einfall erscheint, ist tatsächlich auch eine gehörige Position Handwerk,
das ein Komponist damals einfach beherrschen mußte.
Mozart "vergöttlicht" den Menschen

Was für das Verständnis der Werke Bachs unverzichtbar ist, wird bei der
Interpretation späterer Komponisten vernachlässigt. Davon ist der Konzertpianist
Pavlos Hatzopoulos überzeugt. Der 37jährige hat sich in den vergangenen
Jahren in die Klavierstücke anderer Meister vertieft und dabei aufregende
Entdeckungen gemacht, die er bei seinen Gesprächskonzerten vorstellt und
vorspielt. Verblüffend beispielsweise die Verwendung der Zahl drei bei
Komponisten, die sich vom biblischen Glauben abgewendet haben. Wolfgang
Amadeus Mozart (1756-1791), der die letzten sechs Jahre seines Lebens
der Freimaurerei anhing, begann mit dieser Zahl, den Menschen zu vergöttlichen.
Denn er setzte massiv die "drei" ein, stellte aber - im Gegensatz zu Bach
- in Titeln und Inhalten seiner vieler Werke bewußt keinen Bezug zu Gott
her. Offenkundig wird das etwa in der "Zauberflöte" - eine dreiteilige
Oper, die vor Dreivierteltakt und Triolen nur so strotzt und in der okkulte
Figuren wie Sarastro exakt dreimal auftreten. Hier wird nach Hatzopoulos'
Überzeugung bereits durch die Komposition deutlich, wie Mozart den Menschen
an die Stelle Gottes setzt.
Beethoven: Selbstmordgedanken in Triolen

Von einer anderen Seite ist dieses Phänomen in einem der bekanntesten
Stücke Luwig van Beethoves (1770-1827), der sogenannten Mondschein-Sonate,
zu erkennen. Im ersten Satz ziehen sich Triolen durch, enden aber nicht
in einer Erhöhung (wie bei Bach), sondern stürzen auf die tiefsten Tasten
des Pianos ab und bringen das Verzweifeln über eine ungestillte Sehnsucht
zum Ausdruck. Diesem Absturz begegnet der Hörer noch einmal am Ende des
Schlußsatzes, bei dem ein dunkler Schlußakkord exakt dreimal ertönt und
damit die Unveränderbarkeit der finsteren Situation des Menschen illustriert.
Der Name "Mondschein-Sonate" stammt offensichtlich nicht unmittelbar von
Beethoven." Allerdings soll er selbst den Zusammenhang zu Goethes "Faust"
hergestellt haben, an dessen Beginn die von Selbstmordgedanken gequälte
Hauptfigur spricht "O sähst du, voller Mondenschein, zum letzten Mal auf
meine Pein". Die Todessehnsucht der Romantiker findet in dieser Komposition
ihren ausdrucksstärksten Vorläufer.
"Bilder einer Ausstellung" mit spiritistischer Sitzung

Noch krasser fällt die Distanz zu christlichen Überzeugungen bei einigen
russischen Komponisten aus. Offensichtlich etwa bei Sergej Prokofjeff
(1891-1953), der eines seiner Stücke "Teuflische Einflüsterungen" nannte.
Auch die legendären "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgskij
(1839-1881) sind nach Überzeugung von Pavlos Hatzopoulos nichts anderes
als eine Verherrlichung des Bösen. Zu hören ist das etwa beim Bild "Der
Gnom", wo ein Verunstalteter mit krummen Beinen das Gehen versucht, von
einer bösen Macht aber wieder zum Stolpern gebracht wird. Zu vernehmen
ist das durch das häufig auftauchende Intervall namens Tritonus (übermäßige
Quarte), das in der barocken Musik klar dem Teufel zugewiesen ist ("diabolus
in musica"). In einem weiteren Bild geht es um den Abstieg in Katakomben,
wo mit den Toten gesprochen wird. Hatzopoulos interpretiert die Musik
als eine spiritistische Sitzung, zumal in ihren schriftlichen Quellen
von leuchtenden Totenschädeln geredet wird - ein Eingreifen Luzifers,
der ja dem biblischen Zeugnis zufolge ein antigöttlicher Lichtbringer
ist.
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PAVLOS
HATZOPOULOS: Manche Musikstücke verherrlichen das Böse |
"Musik hat keine Autorität"

Wenn aber so viel Unchristliches in den Werken großer Meister steckt -
darf und soll man sie sich als Christ überhaupt anhören? Pavols Hatzopoulos
bejaht. "Musik als solche hat keine Autorität", so seine Überzeugung.
Als biblisches Beispiel nennt er den jungen David, den sich der von Gott
abgekehrte König Saul an den Hof holte, um dessen Musik zu hören. Das
fromme Musizieren hatte nur vorübergehend eine positive Wirkung, konnte
Saul aber im entscheidenden Moment nicht von seinem bösen Geist befreien
(1. Samuel 18). Für den Konzertpianisten hängt alles davon ab, welchen
Stellenwert Musik im Leben des Menschen bekommt. Wer aus dem Evangelium
lebt, kann sich auch Werke anhören, die sich nicht aus christlichen Quellen
speisen. Wenn diese Werke allerdings einem leeren Herzen zur Ersatzbefriedigung
werden und nicht mehr analytische gehört werden, hält auch Hatzopoulis
den Musikgenuß für problematisch. Doch sollten Christen deshalb nicht
generell ihre Ohren vor der gottgegebenen Genialität nichtchristlicher
Komponisten verschließen.
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