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Aus: ideaSpektrum, 10/2002 (6. März 2002)
Autoren: Marcus Mockler / Pavlos Hatzopoulos
Web: www.idea.de

Die Welt der Komponisten: Was Tonfolgen alles verraten

Der Teufel steckt im Intervall

   Was Tonfolgen über die geistliche Welt von Komponisten verraten

Daß der Komponist Johann Sebastian Bach (1685-1750) ein frommer Mann war, ist hinlänglich bekannt. Sein lutherischer Glaube spiegelt sich in seiner Musik mannigfaltig wider, etwa in der Zahlensymbolik seiner Kompositionen. Doch auch un- und antichristliche Komponisten haben ihre Botschaft des Unglaubens in Notenfolgen verpackt. Das jedenfalls hat der Konzertpianist Pavlos Hatzopoulos (Stuttgart) entdeckt. Bei Gesprächskonzerten fasziniert er sein Publikum mit geistlichen Deutungen der Musik.


VON MARCUS MOCKLER

Eines der berühmtesten Stücke Bachs ist der Choral "Jesu bleibet meine Freude". Um die Vollkommenheit der Freude im dreieinigen Gott zu symbolisieren, verwendet der Komponist mehrfach die Zahl drei. Das Stück ist in einen Dreivierteltakt gegossen, innerhalb dieser Takte stehen die Noten in Triolen. Es wirkt wie eine anhaltende, nicht zu stoppende Bewegung der Freude, die dem verheißen ist, der an Jesus Christus glaubt. Die letzten beiden Noten beschreiben einen Halbton nach oben. "Anabasis" nennen das die Musikwissenschaftler. Interpretiert wird dieses Intervall an dieser Stelle als eine Erhöhung des Menschen durch Jesus Christus. So reflektiert die Komposition bereits ohne den gesungenen Text tiefe theologische Aussagen "allein zur Ehre Gottes" (soli deo gloria), wie Bach an das Ende vieler seiner Stücke schrieb.


Das Kreuz erhöht Note und Mensch


Daß solche Deutungen keine Willkür sind, hat die Musikwissenschaft längst belegt. Vor rund 400 Jahren entwickelte sich in der Komposition die Figurenlehre, die jeder Tonfolge einen Namen und eine Bedeutung zuordnet. "Anabasis" ist eine davon, deren sich Bach besonders gerne bediente, denn die Erhöhung eines Tones um einen Halbton wird ja auf dem Notenblatt häufig durch die Voranstellung eines Kreuzes dargestellt. Welches Symbol könnte eindrücklicher zeigen, daß der Mensch durch das heilschaffende Handeln von Jesus Christus am Kreuz von Golgatha erhöht wird? Bach verwendete auch die umgekehrte Tonfolge nach unten (Catabasis), um beispielsweise den Abstieg des Sohnes Gottes auf die Erde und nach seiner Kreuzigung den Besuch im Totenreich akustisch zu illustrieren. Was dem modernen Hörer häufig wie ein genialer Einfall erscheint, ist tatsächlich auch eine gehörige Position Handwerk, das ein Komponist damals einfach beherrschen mußte.


Mozart "vergöttlicht" den Menschen


Was für das Verständnis der Werke Bachs unverzichtbar ist, wird bei der Interpretation späterer Komponisten vernachlässigt. Davon ist der Konzertpianist Pavlos Hatzopoulos überzeugt. Der 37jährige hat sich in den vergangenen Jahren in die Klavierstücke anderer Meister vertieft und dabei aufregende Entdeckungen gemacht, die er bei seinen Gesprächskonzerten vorstellt und vorspielt. Verblüffend beispielsweise die Verwendung der Zahl drei bei Komponisten, die sich vom biblischen Glauben abgewendet haben. Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), der die letzten sechs Jahre seines Lebens der Freimaurerei anhing, begann mit dieser Zahl, den Menschen zu vergöttlichen. Denn er setzte massiv die "drei" ein, stellte aber - im Gegensatz zu Bach - in Titeln und Inhalten seiner vieler Werke bewußt keinen Bezug zu Gott her. Offenkundig wird das etwa in der "Zauberflöte" - eine dreiteilige Oper, die vor Dreivierteltakt und Triolen nur so strotzt und in der okkulte Figuren wie Sarastro exakt dreimal auftreten. Hier wird nach Hatzopoulos' Überzeugung bereits durch die Komposition deutlich, wie Mozart den Menschen an die Stelle Gottes setzt.


Beethoven: Selbstmordgedanken in Triolen


Von einer anderen Seite ist dieses Phänomen in einem der bekanntesten Stücke Luwig van Beethoves (1770-1827), der sogenannten Mondschein-Sonate, zu erkennen. Im ersten Satz ziehen sich Triolen durch, enden aber nicht in einer Erhöhung (wie bei Bach), sondern stürzen auf die tiefsten Tasten des Pianos ab und bringen das Verzweifeln über eine ungestillte Sehnsucht zum Ausdruck. Diesem Absturz begegnet der Hörer noch einmal am Ende des Schlußsatzes, bei dem ein dunkler Schlußakkord exakt dreimal ertönt und damit die Unveränderbarkeit der finsteren Situation des Menschen illustriert. Der Name "Mondschein-Sonate" stammt offensichtlich nicht unmittelbar von Beethoven." Allerdings soll er selbst den Zusammenhang zu Goethes "Faust" hergestellt haben, an dessen Beginn die von Selbstmordgedanken gequälte Hauptfigur spricht "O sähst du, voller Mondenschein, zum letzten Mal auf meine Pein". Die Todessehnsucht der Romantiker findet in dieser Komposition ihren ausdrucksstärksten Vorläufer.


"Bilder einer Ausstellung" mit spiritistischer Sitzung


Noch krasser fällt die Distanz zu christlichen Überzeugungen bei einigen russischen Komponisten aus. Offensichtlich etwa bei Sergej Prokofjeff (1891-1953), der eines seiner Stücke "Teuflische Einflüsterungen" nannte. Auch die legendären "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgskij (1839-1881) sind nach Überzeugung von Pavlos Hatzopoulos nichts anderes als eine Verherrlichung des Bösen. Zu hören ist das etwa beim Bild "Der Gnom", wo ein Verunstalteter mit krummen Beinen das Gehen versucht, von einer bösen Macht aber wieder zum Stolpern gebracht wird. Zu vernehmen ist das durch das häufig auftauchende Intervall namens Tritonus (übermäßige Quarte), das in der barocken Musik klar dem Teufel zugewiesen ist ("diabolus in musica"). In einem weiteren Bild geht es um den Abstieg in Katakomben, wo mit den Toten gesprochen wird. Hatzopoulos interpretiert die Musik als eine spiritistische Sitzung, zumal in ihren schriftlichen Quellen von leuchtenden Totenschädeln geredet wird - ein Eingreifen Luzifers, der ja dem biblischen Zeugnis zufolge ein antigöttlicher Lichtbringer ist.


Pavlos Hatzopoulos
  PAVLOS HATZOPOULOS: Manche Musikstücke verherrlichen das Böse

"Musik hat keine Autorität"

Wenn aber so viel Unchristliches in den Werken großer Meister steckt - darf und soll man sie sich als Christ überhaupt anhören? Pavols Hatzopoulos bejaht. "Musik als solche hat keine Autorität", so seine Überzeugung. Als biblisches Beispiel nennt er den jungen David, den sich der von Gott abgekehrte König Saul an den Hof holte, um dessen Musik zu hören. Das fromme Musizieren hatte nur vorübergehend eine positive Wirkung, konnte Saul aber im entscheidenden Moment nicht von seinem bösen Geist befreien (1. Samuel 18). Für den Konzertpianisten hängt alles davon ab, welchen Stellenwert Musik im Leben des Menschen bekommt. Wer aus dem Evangelium lebt, kann sich auch Werke anhören, die sich nicht aus christlichen Quellen speisen. Wenn diese Werke allerdings einem leeren Herzen zur Ersatzbefriedigung werden und nicht mehr analytische gehört werden, hält auch Hatzopoulis den Musikgenuß für problematisch. Doch sollten Christen deshalb nicht generell ihre Ohren vor der gottgegebenen Genialität nichtchristlicher Komponisten verschließen.



Das Original dieses Textes erschien in "ideaSpektrum", Nr. 10/2002 (vom 6. März 2002).

Erscheinungsdatum:
8.6.2002
Redakteur: David Decker für CCM-Rezis
 


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