Porträt
Ein blinder Sänger war überzeugter Atheist.
Bis er einen Gottesdienst besuchte.
Der singende Evangelist
Von Karsten Huhn
Thomas Steinlein will
mehr Freude in die Kirche bringen. Er spielt selbstkomponierte Lobpreis-
und Anbetungslieder, singt klare, leidenschaftliche Lieder, die er am
Klavier begleitet. Seine Vorbilder sind neben modernen Musikern wie David
Ruis und Mark Schultz auch die
alten Liederdichter Zinzendorf, Gerhardt und Tersteegen. »In
ihren Texten steckt ein ganz tiefer Glaube. Das sind Lieder, die nicht
alt werden.«
Wie sein Publikum auf die Konzerte reagiert, kann Steinlein nur hören.
Denn seit Geburt ist der 37jährige blind. Geboren ist er in Gera,
aufgewachsen in Chemnitz.
Schon als Sechsjähriger übt er am Klavier; am liebsten spielt
er Stücke von Johann Sebastian Bach. Seine Eltern sind überzeugte
Atheisten, nur eine Tante betet abends manchmal mit ihm und nimmt ihn
sonntags zur katholischen Kirche mit. Steinlein besucht ein Blindengymnasium,
macht danach eine Ausbildung als Sekretär und beginnt, in Weimar
Musik zu studieren. Auferstehung der Toten, Vergebung der Sünden,
ewiges Leben - das sind für ihn damals Fremdworte. »Ich
war bekennender Atheist, glaubte an Marx und Engels. Ihre Ideen sind gut,
dachte ich, nur die Umsetzung stimmte nicht.«
Aus
Anstand mitgegangen

Erste musikalische Erfolge feiert Steinlein als Liedermacher, als Texter
und Sänger des Pop-Trios "Finest Candle" und der erzgebirgischen
Mundartrockband "Dr. LOB" (Lob steht für "Lieder ohne
Bedeutung"). Ein Pfarrer, den Steinlein bei einer Familienfeier kennenlernt,
erzählt ihm vom christlichen Glauben. Wenige Wochen später läßt
Steinlein sich von ihm taufen. »Ich lebte
danach weiter wie bisher, aber im nachhinein denke ich, daß diese
Taufe ein Puzzleteil in Gottes Plan war.« Drei Jahre später,
am 5. November 1995 wird er Christ.
Ich gewann einen Vater

An diesem Tag folgt Steinlein der Einladung eines Freundes zu einem Gottesdienst
einer Gemeinde in Erfurt. »Ich dachte, ich
geh mal aus Anstand mit. Aber in dem Augenblick, wo ich in die Gemeinde
kam und an der Garderobe meine Jacke ablegte, wußte ich, daß
ich zu diesen Leuten gehöre. Es war wie eine Offenbarung für
mich. Ich gewann einen Vater im Himmel und eine riesige Familie - und
wurde freigekauft von der Sünde.« Zwei Monate später,
nach Abschluß seines Studiums, zieht Steinlein nach Hamburg.
Seine geistliche Heimat findet er in der Elim-Gemeinde, die zum Bund Pfingstkirchlicher
Gemeinden gehört. Dort lernt er zahlreiche christliche Musiker kennen,
besorgt sich Kassetten mit Predigten, besucht Seminare. »Ich
habe das Gemeindeleben aufgesogen wie ein Schwamm.« In einem
Hauskreis lernt er Marion kennen, mit der er heute verheiratet ist und
einen fünf Jahre alten Sohn hat.
Lizenz
zum Beten

Von seinen bisherigen musikalischen Engagements trennt er sich bald nach
seiner Ankunft in Hamburg. Steinlein will jetzt nur noch für Gott
singen. Zunächst unterrichtet er noch Klavier, Gesang und Komposition.
Dann macht er sich als singender Evangelist selbständig und bringt
seine ersten Alben "Locker im Herrn" und "Lizenz
zum Beten" heraus. Heute gibt er etwa 140 Konzerte im Jahr. Seine
Stücke sind mitreißend rhythmisch, die Texte zum Mitsingen
geeignet. Zwischendurch plaudert er mit seinem Publikum und erzählt,
wie er Christ wurde. Wenn Steinlein nicht zusammen mit seinem Gitarristen
oder seiner Band gebucht wird, fährt er meist alleine mit der Bahn.
Hat er keine Angst? »Ich bin unbesorgt, schließlich
bin ich mit Gott unterwegs. Meine Behinderung ist für mich viel normaler,
als sich die meisten vorstellen.« Alle vier Wochen beten
die Ältesten seiner Gemeinde mit ihm für die Heilung seiner
Augen. »Ich glaube unbedingt an Heilung, aber
ich glaube nicht, daß Gott jeden hier und jetzt heilt. Gott hat
mir soviel geschenkt, selbst wenn er mich nicht heilt, wäre das für
mich keine Glaubenskrise.«
--Karsten Huhn
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