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"Kostbare Momente bereichern unser Leben"

Clemens Bittlinger im Interview

Clemens Bittlinger"Rockpfarrer" Clemens Bittlinger (Rimbach/Odenwald) erweist sich einmal mehr als Musiker mit Fingerspitzengefühl. Der Pfarrer und Liedermacher steht schon seit gut 23 Jahren auf der Bühne und gibt jedes Jahr über 100 Konzerte bundesweit. Er ist außerdem regelmäßiger Kolumnist bei GONG und BILD+FUNK, Initiator und Moderator der ZDF Bistro- und Kleinkunstgottesdienste und Buchautor. Jetzt wurde sein neuestes, siebzehntes Album "Fingerspitzengefühle" veröffentlicht, mit dem er beweist, dass seine Ideen noch lange nicht ausgeschöpft sind. Steve Volke war mit ihm im Gespräch:


Frage, Steve Volke:
Sie haben gerade Ihr 17. Album veröffentlicht. Das ist zunächst einmal eine beeindruckende Zahl. Gehen Ihnen nicht allmählich die Ideen aus?

Antwort, Clemens Bittlinger: Ganz im Gegenteil! Ich habe den Eindruck, je länger ich texte und komponiere, desto mehr Ideen kommen mir. Man muss letztlich nur mit ausgefahrenen Antennen durchs Leben gehen, um zu merken, was alles um einen herum passiert: Das ist der Stoff, aus dem viele Lieder, Geschichten, CDs und Bücher entstehen.

Steve Volke: Ihr neues Album heißt "Fingerspitzengefühle". Was verbirgt sich dahinter?
Clemens Bittlinger: Den Mehrzahlbegriff "Fingerspitzengefühle" gibt es im Grunde nicht, es ist also eine Wortneuschöpfung. Der Titel möchte einerseits neugierig machen und andererseits andeuten, dass es viele Bereiche in unserem Leben gibt, in denen wir lernen müssen, behutsam miteinander umzugehen. Diese behutsame Emotionalität umschreibe ich mit dem Plural "Fingerspitzengefühle".

Clemens BittlingerSteve Volke: Brauchen wir mehr Fingerspitzengefühl?
Clemens Bittlinger: Ich glaube, dass wir in unserer Gesellschaft, aber auch in den persönlichen Begegnungen untereinander, viel mehr Fingerspitzengefühl brauchen. Ich habe den Eindruck, als ob jeder vor sich selbst "dahinwurschtelt". Jeder ist sich selbst der Nächste, jeder ist sich selbst genug, und der Umgang miteinander verroht. Beispielsweise auf der Autobahn, im Straßenverkehr. - Man kann in sehr vielen Situationen beobachten, dass wir es eigentlich verlernt haben, aufeinander zu hören und zu sehen: Was braucht der andere jetzt, und was brauche auch ich? Das zu äußern, behutsam miteinander umzugehen, einander Freiraum zu lassen, auch die Dinge zu formulieren, die uns wichtig sind, und einander Zeit und Raum zum Atmen zu geben - das alles hat für mich mit Fingerspitzengefühl zu tun.

Steve Volke: Was ist das Besondere an diesem Album?
Clemens Bittlinger: Das Besondere ist, dass ich zum ersten Mal mit drei verschiedenen Produzenten zusammengearbeitet habe: Da ist zunächst einmal natürlich David Plüss, der die Hauptarbeit geleistet und elf Songs in bewährter Weise arrangiert und z.T. auch komponiert hat. Zwei Songs hat Ebi Rink, der mich auch ab und zu bei den Konzerten begleitet, arrangiert. Und einen Song habe ich zusammen mit einem ganz alten musikalischen Weggefährten geschrieben, den Song "Kostbare Momente". Den hat Dieter Falk dann auch arrangiert und produziert.

Steve Volke: Das Lied "Kostbare Momente" ist die erste Single-Auskopplung aus diesem Album. Sie haben einen Videoclip von dem Song gedreht. Worum geht es inhaltlich bei diesem Lied?
Clemens Bittlinger: Es geht darum, dass jeder Tag kostbare Momente birgt, die wie kleine Diamanten unseren scheinbar grauen Alltag erhellen könnten. Wir haben es oftmals nur verlernt, diese kleinen Schätze zu entdecken und zu bergen. Es ist gar nicht so einfach, einfach zu sein, denn wir sind komplizierte Wesen. Es steckt also gewissermaßen eine ganze Philosophie hinter diesem Song.

Steve Volke: Was sind für Sie kostbare Momente?
Clemens Bittlinger: Es sind oft die kleinen und unscheinbaren Dinge, die unser Leben reicher und kostbar machen könnten, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen würden. Für mich sind das all die Momente, die uns aus unserem Alltag herausholen. Das kann ein schöner Sonnenuntergang sein, ein intensives Gespräch zu zweit, ein schönes Abendessen, ein Moment, in dem ich einfach mal durchatme und denke: "Danke, Gott, dass ich in dieser Welt leben darf

Clemens BittlingerSteve Volke: Der Song "Kostbare Momente" wurde von Dieter Falk produziert. Wie kam es dazu?
Clemens Bittlinger: Dieter Falk ist mittlerweile ein sehr bekannter Produzent. Er hat die Gruppe PUR produziert, Pe Werner entdeckt und ist mit vielen anderen Namen verbunden, die bundesweit bekannt sind. Dieter Falk und ich kennen uns seit vielen Jahren. Als ich vor etwa 23 Jahren angefangen habe, Musik zu machen, war Dieter Falk mein erster Live-Keyboarder. Das heißt, wir waren bundesweit unterwegs, haben sehr viel zusammen gespielt und wir haben auch zwei Langspielplatten in den 80er Jahren aufgenommen. Dann haben wir sehr lange nicht zusammen gearbeitet. Jetzt, für dieses neue Album, haben wir uns wieder zusammengetan, und daraus ist dieser wunderbare Song "Kostbare Momente" entstanden.

Steve Volke: Bei diesem Song singen Hartmut Engler (PUR) sowie Michael Janz von "Beatbetrieb" mit. Was verbindet Sie mit den beiden?
Clemens Bittlinger: Mit Hartmut Engler, dem Sänger von PUR, verbindet mich seit vielen Jahren eine enge Freundschaft. Wir haben schon so manchen kostbaren Moment mit einander erlebt. Der zweite Song, bei dem er mitsingt, heißt: "Manchmal braucht man einen, der mit einem geht" und hat ebenfalls einen durchaus biografischen Hintergrund.
Dass Michael Janz von Beatbetrieb bei diesem Song mit dabei ist, freut mich ganz besonders. Ich bin total beeindruckt von diesem Sänger. Früher gab es eine Band, die "Deliverance" hieß. Deren Leadsänger war sein Vater, Danny Janz. Ich war ein großer Fan von ihm! Es ist schon faszinierend mitzuerleben, dass sein Sohn die gleiche Begabung, ja die gleiche Stimme geerbt hat.

Steve Volke: Die musikalische und textliche Bandbreite auf dem aktuellen Album ist sehr groß. Ein Song dreht sich um den internationalen Terrorismus und um Seuchengefahr. Warum haben Sie gerade diese Themen aufgegriffen?
Clemens Bittlinger: Weil beides Themen sind, die mir Angst machen. Ich kann eigentlich nur über Themen schreiben, die mich selber existenziell berühren. Als mit Sars und Vogelgrippe ständig diese neuen Seuchen in den Nachrichten auftauchten und viele sagten, es kann sehr leicht passieren, dass sie sich vermischen und dass daraus eine Seuche entsteht, die nicht mehr in den Griff zu bekommen ist, da dachte ich: Meine Güte, dem stehen wir völlig machtlos gegenüber! Parallel dazu ist für mich der internationale Terrorismus, dem wir genauso macht- und hilflos gegenüberstehen, eine der globalen Fragen, denen wir uns stellen müssen. Ich habe diese Fragen mit einem alttestamentlichen Bild kombiniert, dem Bild der Person des Hiob. Hiob ist ein reicher, wohlhabender, glücklicher Mensch, dem plötzlich alles genommen wird, und er sitzt in seiner Asche und klagt. Er klagt über sein Elend, klagt aber auch über das Leid der Welt. Und diesen Hiob habe ich verwendet, um mich in diesem Lied über die drängenden Fragen, die uns bevorstehen, zu beklagen - von denen ich aber nicht weiß, wie wir sie lösen können.

Clemens BittlingerSteve Volke: Was verbirgt sich hinter dem Song "Mein geheimes Leben"?
Clemens Bittlinger: "Mein geheimes Leben" - die Idee hatte ich von Leonard Cohen. Er hat auf einem seiner letzten Alben einen Song, der "In my secret life" heißt. Ich dachte, dass es ein sehr schönes Bild für das ist, was an Ungelebtem und Unerlebtem in jedem von uns herumschwirrt. Ich hab auf dem Album noch einen anderen Song, der "Vorderhaus und Hinterhaus" heißt. Darin beschreibe ich, dass jeder Mensch ein Vorderhaus hat - aber auch ein Hinterhaus. Das Hinterhaus ist der Teilbereich, in den man andere nicht so gerne hineingucken lässt. Ich bin immer wieder verwundert darüber, wie viel Zeit, Geld und Nerven manche Leute in den Versuch stecken, so zu tun als hätten sie kein Hinterhaus. Dabei steht es doch sogar seit tausenden von Jahren in der Bibel, dass jeder Mensch verborgene Winkel und Ecken hat und dass Gott selbst den schattigsten Winkel meiner Seele kennt. Ich denke, vielen Menschen ist der Gedanke äußerst unangenehm, dass jemand sie grundlegend durchschaut. Das Verblüffende an der Botschaft des Neuen Testamentes ist aber gerade, dass Gott uns lieb hat und unser Freund sein möchte, obwohl er auch unser Hinterhaus bis in den letzten Winkel kennt.

Steve Volke: Sie sind Liedermacher und Sie sind Pfarrer - eine außergewöhnliche Kombination. Wie kam es zu dieser Verbindung?
Clemens Bittlinger: Ich habe nach dem Abitur begonnen, Theologie zu studieren, war aber parallel schon als Liedermacher tätig und habe mein erstes Album veröffentlicht. Dann habe ich mein Studium als Liedermacher finanziert und habe schon während des Studiums bis zu 100 Konzerte pro Jahr gegeben. Als ich mit dem Studium fertig war, habe ich zwei Jahre freiberuflich gearbeitet. Dann kam die Landeskirche auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust hätte, Pfarrer und Liedermacher zu kombinieren. Das habe ich sehr gern gemacht, und daraus ist eine einzigartige Konstruktion entstanden, nämlich ein "Pfarramt für musisch-kulturelle Verkündigung". Das heißt, ich bin in gewisser Weise der einzige Pfarrer bundesweit, der von seiner Landeskirche freigestellt ist, kreativ zu arbeiten, der auch ein Gehalt dafür bekommt, Konzerte zu geben und Seminare zu veranstalten. Ich habe die tolle Möglichkeit, die schönste Botschaft der Welt - die Botschaft der Bibel: "Gott möchte dein Freund sein!" - mit der schönsten Sache der Welt, der Musik, zu verbinden. Und diese wunderschönen Dinge miteinander zu kombinieren, macht einfach Spaß. Es ist eine sehr, sehr schöne Kombination.



—Interview: Steve Volke für CCM-Rezis, August & September 2004

Erscheinungsdatum online:
16.9.2004
Redakteur(e): David Decker für CCM-Rezis

weitere Rezensionen - siehe Clemens Bittlinger-Künstlerseite >>
 


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