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Jenseits
künstlerischer Begrenzungen

Chris Rice im Interview
by Andree Farias
ChristianMusicToday.com
Der US-Singer-Songwriter veröffentlicht in Kürze sein neustes
Album, "Amusing",
produziert von Monroe Jones für eb+flo Records. Chris Rice tritt
damit aus seiner Komfortzone heraus und wagt sich vor ein neues Publikum
auch auf dem säkularen Markt. Andree Farias vom amerikanischen Magazin
ChristianMusicToday.com
sprach mit ihm über diese Neuausrichtung, den Label-Wechsel und auch
über seine Liebeslieder. (Hinweis: Das Interview ist eine deutsche
Übersetzung. Der Originaltext findet sich hier
...)
Andree Farias: Chris
Rice, warum hast du beschlossen, Rocketown
Records, dein Zuhause für beinahe zehn Jahre, zu verlassen?
Chris Rice: Der Vertrag lief aus. Ich bin einer, der die Dinge gerne auf unterschiedliche Weise anpackt, und das letzte Album, das Bestandteil dieses Vertrags war, war "Run the Earth, Watch the Sky", das ich vor ungefähr drei Jahren einreichte. Damals also, als ich es einreichte, begann ich mir Gedanken zu machen: »Will ich weiterhin das Gleiche tun, oder möchte ich etwas ändern?« Von Anfang an und die ganze Zeit über war ich überzeugt, dass ich das, was ich tue, nicht nur für Menschen machen soll, die bereits das glauben, was ich glaube. Ich muss vielmehr darauf achten, meine Kunst und mein Handwerk zu nützen, um Salz und Licht auch in der Welt zu sein. Meine Einstellung war also immer: »Ich muss einen Ort und ich muss Menschen finden, die wirklich missionarisch mit Musik umgehen wollen.«
Andree Farias: Was meinst du mit »missionarisch«?
Chris Rice: Was in meinen Augen mit der christlichen Musik geschehen
ist – ich möchte ja nicht negativ klingen –, ist, dass sie ganz auf
uns fokussiert wurde, auf Gläubige. Und ein Teil dieses Lagers hat
irgendwie das Gefühl, dass es Gott nicht ehrt, wenn du nicht (Musik)
für Christen schreibst und die Gute Nachricht nicht glasklar ausbuchstabierst.
Ich bin nicht dieser Meinung. Ich glaube, dass Gott uns die Künste
und Gaben geschenkt hat, damit wir, wie bei jeder andern Tätigkeit,
Licht in der Welt sind – und nicht nur für uns selber. Daher wollte
ich ein Label finden, das dem wirklich zustimmt und es mitträgt –
und die bei Rocketown tun das, echt, aber ich hatte einfach das Gefühl,
dass ich jetzt, wo dieser Vertrag zu Ende war, andere Möglichkeiten
ausprobieren wollte.

Und so landete ich schliesslich bei einem neuen Label namens eb+flo Records,
das mein Produzent Monroe Jones lanciert hat. Und zugleich bei INO. Darum
schlossen wir eine Art Partnerschaft zwischen den beiden Labels. INO hat
bereits deutlich bewiesen, dass sie dort christliche Künstler und
christliche Songwriter aufnehmen und ihre Werke auf dem allgemeinen Markt
ebenso gut zugänglich machen können wie auf dem CCM-Markt. Es
wird eine Spassfahrt werden. Mit einigen Herausforderungen. Aber ich möchte
wirklich sichergehen, dass ich meinem Herzen folge und mit dem breiteren
Spektrum an Leuten in Kontakt komme, gläubigen und nicht gläubigen.
Andree Farias: Wieso hast du zehn Jahre damit gewartet?
Chris Rice: Weil ich, ehrlich gesagt, die Freiheit dazu nicht hatte. In der neuen Label-Situation ist es mehr wie: »Wir machen da mit dir mit, es ist auch unser Wunsch.« Ich glaube nicht, dass mein altes Label was dagegen hatte, ich denke nur, dass sie nicht ausgerüstet waren, um Musik tatsächlich an diese Orte hinzubringen. Es hatte seine Grenzen darin, wie es die Musik verbreiten konnte.
Andree Farias: Wieso eb+flo?
Chris Rice: Ich denke, nur schon die Einstellung bei eb+flo ist
anders. Monroe Jones hat bereits mit Steven
Delopoulos und Holly Williams, der Enkelin von Hank Williams jr.,
zusammengearbeitet. Monroe hat also bereits eine Art Null-Grenzen-Mentalität
in Sachen Musik an den Tag gelegt. Steven drückt seinen Glauben in
vielen seiner Lieder aus. Auch Holly gibt ihrem Glauben in einigen ihrer
Lieder Ausdruck. Aber beide beschränken sich nicht auf christliche
Musik oder auf das christliche Radio. Monroe hat mit seinen Unternehmungen
bereits bewiesen, dass ihm das ein echtes Herzensanliegen ist.
Andree Farias: Wollte Rocketown, dass du bleibst?
Chris Rice: Ja, natürlich. Es war eine tolle Beziehung, und wir hatten dort auch jede Menge Erfolg. Daher wollten sie wirklich, dass ich bleibe.
Andree Farias: Du hast gesagt, du möchtest
ein breiteres Publikum ansprechen. Glaubst du, dass du während der
Jahre bei Rocketown nicht bereit dazu warst?
Chris Rice: Es war schon immer meine Absicht, Lieder zu schreiben,
die verständlich sind. Sogar meine Lieder, die mehr wie eine Hymne
sind, z. B. "Hallelujahs" und "Untitled Hymn", sogar
diese Lieder, die man in einem Sonntagmorgen-Gottesdienst verwenden könnte,
nähern sich ihnen [den Zuhörern] im Sinne von: »Ich möchte,
dass dies auch noch für einen Atheisten, der draussen vor der Tür
horcht, verständlich ist.« Ich bin immer schon von diesem Standpunkt
aus ans Liedermachen herangegangen.

Christen haben mich schon gefragt, warum ich so komponiere. Ich habe ein
Lied mit dem Titel "Big Enough" geschrieben, dessen Refrain
lautet: »Gott, wenn du da bist, so zeig es mir bitte! Gott, wenn
wir dir nicht gleichgültig sind, dann ist es mir wichtig, dass du
mich kennst!« Christen sind an mich herangetreten und haben gefragt:
»Was stimmt mit deinem Glauben nicht?« – »Du versuchst,
Zweifel in anderer Leute Herzen zu streuen.« – »Du sagst ‚wenn’.«
– »Du musst direkter sein.« Und meine Antwort lautet: »Nun,
mein Herr, dieses Lied wurde nicht für Sie geschrieben. Dieses Lied
entstand für jemanden, der sich fragt, ob Gott da ist.« Ich
möchte mit Musik auf sie [die Zuhörer] zugehen, die sie dazu
bringt, auch über Gott nachzudenken.
Andree Farias: Als Folge dieser neuen Mission
ist deine Musik ein Stück zugänglicher und universeller geworden,
stellenweise sogar romantisch. War das Absicht?
Chris Rice: Absolut, und zwar aus verschiedenen Gründen. Ich
habe so viel darüber nachgedacht und mit so vielen Leuten darüber
gesprochen. Aber die Geisteshaltung, die wir in der christlichen Subkultur
aufgebaut haben, sieht so aus: »Herr Rice, Sie sollten keine Liebeslieder
schreiben. Sie sollten Lieder über Gott schreiben.« Oder: »Chris,
du kannst doch nicht ein Lied schreiben, dass klar nicht das Evangelium
verkündet oder das nicht Jesus oder Gott erwähnt!« Und
wenn ich diese Einstellung höre, frage ich mich: »Denken wir
hierin wirklich biblisch?« Denn wenn dem wirklich so wäre,
dann müssten wir das Hohelied Salomons aus unserer Bibel entfernen,
dieses Buch ist nämlich sehr romantisch. Gott hat dies erfunden,
und Gott möchte ganz deutlich ausdrücken, dass er uns hierfür
erschaffen hat.

Sollte einer sagen, dass dein Lied wirklich Gott erwähnen und die
Frohe Botschaft darlegen muss, dann würde ich ihn auf Jesu Gleichnisse
verweisen, wo er so oft sagt, dies sei für den, »der Ohren
hat zu hören«. Er erklärte nicht jedes einzelne davon.
Er legte universelle Wahrheiten in einer sehr kreativen Art dar, weil
er wusste, dass der Geist Gottes dies nehmen und im Herzen eines andern
verständlich machen konnte. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf frage
ich mich, warum wir eine eingebildete Grenze rund um die christlichen
Schriftsteller und Künstler gezogen haben und festlegen: »Genau
darüber musst du schreiben!« Wenn wir dies tun, dann haben
wir uns selber vom Rest der Kultur abgesetzt und überlassen es andern
Leuten und anderen Schreiberlingen, zu definieren, wie Liebe eigentlich
aussehen soll, wie das Leben aussehen soll und die Moral in dergleichen
Dingen.
Andree Farias: Heisst das, dass wir Chris
Rice künftig auch in andere Schauplätze vorstossen sehen werden?
Chris Rice: Ich hoffe es. Es wird eine Herausforderung werden,
weil ich bereits als christlicher Künstler bekannt bin. Ich gebe
das nicht auf, kehre dem auch nicht den Rücken zu. Aber wenn mein
Promoter will, dass ich für ein Konzert in eine Stadt komme, schlage
ich vor: »Können wir das in einem örtlichen High-School-Auditorium
durchführen statt in einem kirchlichen Gebäude?« – und
ich habe nichts gegen Kirchenbauten. Ich möchte sagen können:
»Auch wenn Sie nicht gleicher Meinung sind, wäre es mir wirklich
lieber, wenn diese eine Schwelle nicht da wäre, nur für den
Fall, dass da jemand ist, der mich nicht hören kommen will, wenn
ich in einer Kirche spiele, der aber in ein High-School-Auditorium oder
in das Theater am Ort käme.«

Um’s nochmals zu sagen, ich habe nicht das Gefühl, dass ich mein
Handeln verteidigen muss, sondern ich möchte vielmehr, dass die Leute
verstehen, dass religiöse Leute damals Jesus einen »Freund
der Sünder« nannten. Sie meinten das als Beleidigung, aber
Jesus freundete sich absichtlich mit den Sündern an, damit er den
Verlorenen nachgehen und sie retten konnte. Viele von uns haben vergessen,
dass wir dafür auf diesem Planeten sind. Wir müssen am Leben
der gebrochenen Menschen Anteil nehmen, nicht nur am Leben derer, bei
denen alles in Ordnung ist.
Andree Farias: Hast du Angst vor dem, was du dabei antreffen könntest?
Chris Rice: Ich habe vor nichts dergleichen Angst. Man bringt uns bei, Angst davor zu haben, uns davon fernzuhalten und uns nicht davon einnehmen zu lassen. Mir persönlich macht es keinen Spass, in einem verrauchten Raum zu sein, ehrlich. Aber wenn ich in diesem Raum sein kann, um Musik für Leute zu machen, die sie zum Innehalten und Nachdenken bringt, Mensch, dann bin ich voll dabei. Es gibt Leute, die ihre ganze Energie darauf verwenden, sich und ihre Kinder vor derlei Situationen zu bewahren. Und es ist in meinen Augen auch nötig, klug und weise zu sein in unseren Beziehungen. Aber wenn das dann dazu führt, dass wir Menschenseelen ausschliessen, dann verkennen wir echt in einem wesentlichen Punkt, wer Jesus war.
Andree Farias: Du hast das Schreiben von
Liedern über die Liebe erwähnt. Woher holst du dir deine Inspiration,
da du ja nicht verheiratet bist?
Chris Rice: Es ist etwas tief Menschliches. Immer fragt man mich:
»Bist du je verliebt gewesen?« Ich glaube wirklich nicht,
dass ich es je war. Aber ... es gibt so vieles, was ich nicht selber
erfahren habe, das ich in der Menschheit sehe, und so kann ich über
solche Dinge schreiben. Diese Lieder drücken viel von dem aus, wie
ich es mir ausmale. Wonach ich mich sehne. Worauf ich warte. Die Liebe
ist ein so allgemeines Thema, dass ich wirklich nicht denke, ich sei ausgenommen,
darüber zu schreiben. Bei vielen der Lieder, die ich schreibe, fragt
man mich: »Welches Erlebnis liegt diesem Lied zugrunde?« Und
ich antworte: »Nun, dies ist nicht autobiografisch.«

Sei es ein Liebeslied oder ein Lied über den Verlust von jemandem
oder ein Lied über den Himmel – oft sagen die Leute: »Du musst
wirklich über den Verlust von jemandem tief erschüttert gewesen
sein, dass du etwas so Tiefsinniges schreiben konntest.« Und ich
antworte dann ungefähr: »Nein, war ich nicht. Aber ich habe
so viele Menschen angetroffen, die es waren, dass ich wahrheitsgetreu
davon berichten will.«
Andree Farias: Du hast gesagt, du sehnst dich nach Liebe. Wartest du noch immer darauf? Hast du die Hoffnung aufgegeben?
Chris Rice: Eine Reihe Leute meinen, ich hätte die Hoffnung aufgegeben. Selbstverständlich sehnen wir uns alle danach, geliebt zu werden und zu lieben. Das ist in uns hineingelegt. Ich habe keine Ahnung, wann oder wie es im Einzelnen sein wird. Das ist einer der Bereiche in meinem Leben, wo ich zufrieden bin. Gott weiss ja, was er vorhat, und darin finde ich wirklich Ruhe.
Andree Farias: Glaubst du, dass einer einfach
rumsitzen und warten soll, bis dieser besondere Jemand daherkommt, oder
dass man sich aktiv darum bemühen muss?
Chris Rice: Ich bin kein Mensch, der sich aktiv darum bemüht,
vor allem wegen meiner Lebensweise und meiner Arbeit. Ich habe allerdings
keine grosse Theologie hierzu. Es ist einfach mein Stil, meine Art. Ich
erlebe es immer wieder, dass mich Leute mit andern in Kontakt zu bringen
versuchen. Sie sind ein wenig zu besorgt darum, was mit mir in diesem
Bereich geschieht. Ich bin eine zufriedene, gelassene, entspannte Person.
Aber ich bin auch sehr introvertiert. Es gibt andere, die eine Leidenschaft
für alles haben und sich bei allem ereifern, sie sind aufgeschlossen,
und sie sind aktiv und Tatmenschen. Das ist auch legitim und gut so, aber
ich selbst bin ein gelassener Typ.
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