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»Für mich ist das Fazit aus meiner Geschichte, dass mein Glaube sich in Liebe äußern soll«

Doro Wiebe im Interview mit CCM-Rezis über ihr Buch "Im System"
Die Journalistin und Moderatorin Doro
Wiebe hat im August ihren ersten Roman vorgelegt. "Im
System" handelt von Sehnsucht, Glaube und Fanatismus und greift
damit ein hochaktuelles Thema auf. Die fesselnde Story verschlingt sich
im Nu, bringt aber auch gehörig zum Nachdenken. Im E-Mail-Interview
erzählt Doro Wiebe über die Inspiration hinter dem abstrusen
"System", wie sie das Schreiben erlebte und ein wenig über
ihr bereits begonnenes nächstes Buch ...
Monica Seidler: Doro, nach der Lektüre deines packenden Romans sah ich eine Zeit lang nur noch Rot-Blau-Kombinationen ... Was brachte dich auf die verrückte Theorie über die gefährliche Verbindung dieser zwei Farben?
Doro Wiebe: Die Regel "Kombiniere nie Rot und Blau" war eine ganz spontane Idee, die in der Entstehungsphase der Geschichte plötzlich in meinem Kopf war. Ich habe einem Freund am Telefon davon erzählt, dass ich in dem Roman eine Umgebung schaffen will, in der sich alle Menschen an ein abstruses Gesetz bzw. System halten. Und habe so dahingesagt: "So was wie ... man darf Rot und Blau nicht kombinieren ... oder keinen Orangensaft trinken ..." Das mit dem Orangensaft habe ich wieder verworfen. :-) Aber bei dem Rot-Blau-Verbot ist es geblieben.
Das war also völlig aus der Luft gegriffen. Und ich habe dann selber erst mal angefangen, darauf zu achten, wo die Kombination auftaucht und was davon ich für mein Buch verwerten kann. Und plötzlich war Rot-Blau überall. ;-)
Monica: Liegt "Im System" eine persönliche Begegnung mit ungesunder Radikalität zugrunde? Und/oder hast du dich sonst intensiv mit dem Thema Fanatismus auseinandergesetzt?
Doro: Muss ich ein bisschen ausholen ...
Ich selber bin Christ und in einem christlichen Elternhaus groß geworden. Ich habe viel für christliche Auftraggeber gearbeitet, kurz gesagt: Diese ganze "Szene" von innen kennen gelernt.
Dann wurde islamistischer Fundamentalismus plötzlich ein Riesenthema, vor allem durch die Attentate am 11. 9. Die Leute fragen sich: "Was bringt einen Menschen dazu, sich einer von außen betrachtet so irrwitzigen Idee zu verschreiben? Warum opfert jemand sein eigenes Leben und bringt eine Menge Leute um, nur weil die was anderes glauben?"
Mir ist aber aufgefallen, dass der Ansatz für diesen Fundamentalismus überall zu finden ist. Nicht nur im Islam, sondern auch in der christlichen Szene und in (fast) jedem anderen Glauben. Und darüber hinaus auch in jeder anderen extremen Überzeugung. Also, wenn ein militanter Vegetarier z. B. fordert, dass alle Menschen aufhören müssen, Fleisch zu essen, dann ist das genauso ein System, als wenn Christen sagen: "Du darfst dies und das nicht tun und du musst dich an diese und jene Regeln halten!"
Ich habe beobachtet und selbst erlebt, dass diese "Systeme" den gleichen Ansatz haben, aus dem heraus Menschen wie die islamistischen Attentäter ihre Anschläge verüben. Der Mord oder der Anschlag, der dabei passiert, zielt oft auf das Herz eines Menschen, nicht auf sein Leben im eigentlichen Sinne. Und trotzdem passieren Verletzungen und werden die Seelen von Menschen missbraucht, die sich auf das einlassen, was ihnen von außen als "Wahrheit" vorgesetzt wird.
Ich will mit meinem Roman also nachdenklich machen. Zuerst mal über das, was man als eigene Wahrheiten für sich selber definiert. Aber dann auch darüber, wo man anderen das, was man als Wahrheit ansieht, überstülpt, wo man andere Menschen richtet und beurteilt nach dem, was man selber zu wissen meint.
Monica:
Werden sich gewisse Leute aus deinem Umfeld in deinen Romanfiguren wiedererkennen?
Doro: Ich hoffe, dass die allermeisten Leser sich auf die eine oder andere Weise in dem Roman wiederfinden. Dass ganz viele sich an die eigene Nase packen, sich fragen: Was glaube ich selber eigentlich wirklich? Was habe ich nur so "mitgenommen", weil jemand es mir als Wahrheit vermittelt hat? Wie weit würde ich gehen für das, wovon ich überzeugt bin? Und wo stehe ich selber in der Gefahr, Menschen zu richten nach meinen eigenen Maßstäben?
Aber darüber hinaus habe ich keine real existierenden Personen aus meinem Umfeld "benutzt" als Vorlage für meine Romanfiguren. Ich will mich mit diesem Buch ja auch an niemandem rächen, niemanden niedermachen. Ich will nur, dass die Leute nachdenken.
Und ganz konkret habe ich meinen Eltern vor Erscheinen des Buches gesagt, dass Hauptperson Renatas Eltern nichts mit ihnen zu tun haben. Das war mir wichtig. Renata ist ja eine sehr unsichere Person und ihre Eltern haben ihr nie echte Liebe vermittelt, sie nicht ermutigt auf ihrem Weg. Da sind meine Eltern ganz anders. Und gerade weil ich in der Geschichte auch eigene Erahrungen verarbeite, wollte ich, dass da keine falschen Gefühle oder Gedanken aufkommen.
Monica:
Denkst du, dass jede Art von Glauben an eine absolute Wahrheit, ein Leben nach festen Überzeugungen zu Fanatismus tendiert? Oder ist Renata ein besonderer Fall?
Doro: Durch meine eigenen Erfahrungen und das Schreiben von "Im System" habe ich viel nachgedacht über diese Frage ...
Mit Renata habe ich ja eine Figur geschaffen, die mit wenig Selbstwertgefühl durchs Leben geht und eine Sehnsucht in sich trägt, dazuzugehören, Anerkennung zu bekommen, geliebt zu werden. Dadurch ist sie sehr offen dafür, sich auf das Glaubensmodell des "Systems" einzulassen. Und wenn ein vorher unsicherer Mensch in irgendeiner Form von Glauben ein solches Zuhause findet wie Renata in meiner Geschichte, dann besteht, glaube ich, immer die Gefahr für Fanatismus.
Ich glaube aber auch, dass – ganz platt gesagt – die Sehnsucht nach Liebe in jedem Menschen steckt. Und das Angebot, Liebe zu erfahren – wieder ganz platt –, in jeder Art von gemeinschaftlichem Glauben enthalten ist.
Heißt also: Wäre Renata in eine islamistische Terrorgruppe geraten, wäre sie am Ende auch bereit, ein Selbstmordattentat für diesen Glauben zu verüben. Dabei wäre fast egal, für welche Inhalte dieser Glaube eigentlich steht. Deshalb habe ich mich bei "Im System" eben auch für die irrsinnige Metapher mit dem Rot-Blau-Verbot entschieden.
Die
Warnung, die dieser Gedanke in sich trägt, ist damit aber auch: Wenn
ein Mensch z. B. zu einer christlichen Gemeinschaft gehört, kann
es sein, dass er alle Regeln befolgt, allen Forderungen entspricht, ein
echter "Vorzeigechrist" ist. Dass das aber gar nichts mit seinem
Herzen, gar nichts mit echtem Glauben zu tun hat, sondern nur Mittel zum
Zweck ist, um dazuzugehören.
Genau an der Stelle soll mein Buch eben zum Nachdenken einladen.
Ich bin ja selber ein gläubiger Mensch. Und für mich ist das Fazit aus meiner Geschichte, dass mein Glaube sich in Liebe äußern soll. Ich will mein Herz immer wieder auf das Gute ausrichten, darauf, andere Menschen, mich selbst und Gott zu lieben. Das ist das Fundament meines Glaubens. Und damit ja auch eine Art von Fundamentalismus. :-) Aber eben einer mit guter, heilender, lebendig machender Wirkung.
Deshalb übrigens auch die italienische Widmung vorne in meinem Roman: "Dedicato all'amore di Dio" heißt übersetzt: "Der Liebe Gottes gewidmet".
Monica: Renatas Bericht liest sich wunderbar flüssig. Ging es dir beim Schreiben auch so, oder wie gestaltete sich der Weg von der Buchidee bis zum druckreifen Manuskript?
Doro: Es ging super schnell, ohne bemerkenswerten Hänger, und hat riesigen Spaß gemacht.
Als ich meinen Lektor kennen gelernt habe – Anfang Oktober 2006 –, hatte ich erst den Anfang der und die Grundidee für die Geschichte.
Dann habe ich mir erst mal eine Woche Zeit genommen, um die Story auszuarbeiten, habe mir große Zeitpläne aufgemalt, die Charaktere entworfen und die Handlung in Kapitel eingeteilt.
In meinem Kalender habe ich mir Zeiten freigehalten zum Schreiben. Mal einen Tag, mal eine Woche am Stück, immer so, wie es bei all meinen anderen Terminen grade möglich war.
Und Ende Februar war das Buch fertig.
Das Erstaunliche für mich war, dass es sich oft angefühlt hat, als würde sich das Buch selber schreiben. Manchmal kam es mir vor, als ob ich meine Finger dabei beobachte, wie sie Worte und Formulierungen in mein Laptop tippen, von denen ich mich selber gefragt habe, wo die eigentlich herkommen. Diese Inspiration immer wieder zu erleben, war ein tolles und motivierendes Gefühl.
Monica:
Hattest du beim Schreiben ein bestimmtes Lesepublikum vor Augen?
Doro: Ich habe mich immer mal wieder gefragt, wie einzelne Passagen auf bestimmte Leute wirken würden. Und ein Freund, der parallel auch seinen ersten Roman geschrieben hat, hat den Entstehungs-Prozess ganz detailliert mitbekommen. Wir haben uns gegenseitig immer die neuen Absätze, Kapitel und Ideen vorgelesen, das war eine große Hilfe und hat uns beide immer wieder neu motiviert, weiterzumachen.
Aber eigentlich konnte ich mir beim Schreiben noch gar nicht vorstellen, wie es sein würde, wenn meine Geschichte dann tatsächlich als Buch erscheint und Leute das kaufen und lesen ... Haha ... Vielleicht wird das beim nächsten Mal ein anderes Gefühl sein.
Monica:
Welche Art Bücher liest du selber am liebsten?
Doro: Sehr unterschiedliche, da kann ich mich gar nicht auf ein Genre festlegen. Wichtig ist mir, dass die Geschichte auf irgendeine Weise inspirierend ist, dass die Charaktere mit Leben gefüllt sind und der Schreibstil mich anspricht. Aber von Goethe und Hesse über Schätzing bis Mankell ist da alles drin.
Monica:
Ich habe erfahren, dass du schon über dem nächsten Buchprojekt sitzt. Darf man dich hierzu aushorchen?
Doro: Ja, die Idee für den nächsten Roman ist tatsächlich schon da. Er wird von der großen Frage nach Lebensschuld und dem Umgang damit handeln. Drei Protagonisten, deren Leben miteinander verbunden sind, ohne dass sie das wissen, lernen sich kennen und lernen dadurch, sich ihrer Verantwortung und Schuld zu stellen. Mehr wird noch nicht verraten. :-)
Ähnlich, wie es mir bei "Im System" gegangen ist, entsteht in meinem Kopf momentan die ganze Geschichte. Einen allerersten Absatz habe ich schon geschrieben. Und jetzt warte ich auf den richtigen Moment und die Ruhe, mich ans tatsächliche Schreiben zu machen.
Monica: Doro, herzlichen Dank für dieses eingehende Interview! Und viel Freude und Gelingen beim Weiterschreiben!
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