|
"Anderen
zu helfen ist schöner, als bekannt zu sein"

Interview mit Ginny Owens
Dove
Award-Gewinnerin Ginny Owens
veröffentlichte 2005 zwei Alben, eine DVD und war bei diversen Life-Auftritten
zu sehen. Im Interview erzählt die blinde Sängerin von ihrem
Leben auf Tour, von ihrem Glauben an Gott, von ihrem sozialen Engagement
und ihrem neuen Album "Long
Way Home". (Hinweis: Das Interview ist eine deutsche Übersetzung
und wurde von Gerth Medien zur Verfügung gestellt.)
Trotz ihres Erfolgs fühlt sich Ginny Owens - wie sie
sagt - immer noch unbehaglich in ihrer Rolle als Sängerin. Als introvertierter
Mensch neigt sie dazu, dem Rampenlicht lieber aus dem Weg zu gehen. Ihre
eigentliche Erfüllung findet sie dabei, anderen zu helfen. Darum
hat sie kürzlich einen Hilfsverein gegründet, der sich um benachteiligte
Kinder kümmert. Darüber hinaus setzt sie sich dafür ein,
dass die Opfer von Hurrikan "Katrina" ein neues Zuhause finden.
Frage, Maryann B. Hunsberger (MBH): Ich
habe gehört, dass du diese Woche mitgeholfen hast, ein Haus zu bauen.
Antwort, Ginny Owens: Ja, ich habe geholfen, in Slidell, Lousiana
ein Haus zu bauen. Die Aktion gehörte zur Arbeit von "Operation
Home Delivery", die die Hurrikan-Schäden an der Golfküste
beheben wollen. Und dann haben wir mit meinem Haus angefangen.
MBH: Deinem Haus?
Ginny Owens: Das ganze Jahr über hat meine eigene Hilfsorganisation
"Fingerprints Initiative" Geld gesammelt, um für eine Familie,
in der beide Elternteile gelähmt sind, ein neues Zuhause zu schaffen.
Dieses Projekt war schon in Planung, bevor wir von "Katrina"
erfuhren. Bald fangen wir damit an, die Wände für das Familien-Haus
hochzuziehen. Ich bin sehr aufgeregt!
MBH:
Was sind deine Hauptziele in Bezug auf die "Fingerprint Initiative"?
Ginny Owens: Der Hauptauslöser dafür, die Initiative
zu starten, war mein Wunsch, etwas langfristiges zu bewirken. Das steht
im Gegensatz dazu, an einem Ort ein Konzert zu spielen und danach wieder
zu gehen und die Menschen nie mehr wiederzusehen.
MBH: Woher kommt der Name "Fingerprint
Initiative"?
Ginny Owens: Die Antwort findet man in meinem Song "I Love
The Way". Eine Zeile lautet "Selbst wenn ich nur einen flüchtigen
Blick auf deine Geheimnisse werfen kann, finde ich hier doch schon deine
Fingerabdrücke." Ich meine damit Gott. Er ist so großzügig,
dass er seine Fingerabdrücke der Gnade auch auf uns Menschen hinterlässt.
Unsere Aufgabe ist es, hinauszugehen und ein Spiegelbild dieser Fingerabdrücke
zu sein.
MBH: Gibt es noch weitere Projekte, an denen
du gerade arbeitest?
Ginny Owens: Ich unterstütze die Arbeit von "International
Justice Mission", sammle Geld und mache auf die Lage junger Mädchen
in Südasien aufmerksam. Diese Organisation kümmert sich darum,
junge Mädchen vor dem Menschenhandel zu retten. Mit dieser Organisation
kann ich leider nicht direkt vor Ort arbeiten, aber wir können unterstützen
und aufklären. Außerdem arbeiten wir mit "Compassion International".
Bei meinen Konzerten zeigen wir Fotos und Lebensläufe von Kindern,
die seit 6 Monaten keiner mehr unterstützt hat. Wir vermitteln sie
nach dem Konzert an Paten.
MBH: Ich habe gehört, dass Du Dich
als Künstler immer etwas unwohl fühlst. Was genau ist es, das
dieses Gefühl auslöst?
Ginny Owens: Es gibt da eine Menge an Glücksmomenten, wenn
du als Künstler unterwegs bist. Aber für einen Menschen wie
mich, der nicht automatisch vom Rampenlicht angezogen wird, ist das Meiste,
was du als Künstler durchmachst, unbequem. Zum Beispiel das Autogrammkarten
schreiben. Das finde ich total komisch. Es ist deswegen komisch, weil
die Leute glauben, dass du eine Antwort auf die Fragen hast, die sie beschäftigen.
Zum Beispiel fragten mich die Leute zu meiner Meinung bezüglich der
Hurrikan-Katastrophe. Alles, was ich dazu sagen konnte, haben längst
schon andere gesagt.

Es ist eine echte Herausforderung für mich, solchen Fragen nicht
auszuweichen. Wichtig ist auch, den Menschen nicht das Gefühl zu
geben, dass man als Künstler mehr vom Leben versteht als sie.
MBH:
Steckt da ein Vorteil drin, wenn man sich einer bestimmten Aufgabe nicht
gewachsen fühlt?
Ginny Owens: Wenn du dich unbehaglich oder unwohl fühlst,
bewirkt das mehrere Dinge: Es bringt dich dazu, härter zu arbeiten
und mehr nachzudenken. Wenn du nicht dieses gewisse Maß an "Unbequemlichkeit"
hast, wirst du faul und nimmst deine Aufgaben nicht ernst genug. Immer,
wenn wir uns unsicher fühlen, ist das womöglich eine große
Chance zu wachsen und Veränderung zu erleben. Es sind womöglich
die Chancen für Gott, unseren Charakter zu bilden.
MBH: Beschreibe uns den Sound von "Long
Way Home" - deinem neuen Album.
Ginny Owens: Die Musik ist elektrisierend! Eine Mischung meiner
Lieblings-Musikstile: R&B und Rock, und es hat heitere Momente. Die
Band, die mit mir die CD eingespielt hat, ist die, mit der ich auch die
ganze Zeit unterwegs bin. Also fühlte es sich sehr vertraut und natürlich
an.

Ich merke, dass es mir mit jedem neuen Album immer vertrauter wird, neue
Dinge zu probieren und den Begriff "Christliche Musik" stilistisch
ein wenig zu dehnen. Meine Texte sind nachdenklich. Es geht um die Reise
zwischen "hier und dort". Mit "dort" meine ich das
himmlische Ziel. Es ist der Ort, an dem unser Glaube an Jesus ein Gesicht
bekommt.
MBH: Bleiben wir bei den Texten. Sie sind
persönlich und aufrichtig. Was war für dich der Auslöser,
dieses Mal deine Seele so offen zu zeigen?
Ginny Owens: Ich habe immer nach einer offenen Art der Kommunikation
gesucht und nach einer Möglichkeit, meine Gedanken ehrlich mitzuteilen.
Eigentlich finde ich nicht, dass ich diesmal mein Inneres mehr als sonst
zeige. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass ich älter und
reifer geworden bin, die Dinge zu formulieren, die ich fühle und
denke.

Außerdem finde ich auch, dass es mit jeder CD leichter geht. Du
verbesserst automatisch deinen Schreibstil, wenn du viel schreibst.
MBH: In deinem Song "Waiting For Tomorrow"
singst du, dass du viel Zeit damit verbringst, sehnsuchtsvoll auf Dinge
zu warten. Weilt Ginny Owens oft in Tagträumen? Sorgt sie sich um
die Zukunft?
Ginny Owens: Ja, eigentlich schon. Wobei es schon weniger geworden
ist als es einmal der Fall war. Ich gehöre zu den Leuten, die es
genießen, älter zu werden. Als junger Mensch verbringst du
viel Zeit damit, auf die Zukunft zu hoffen und auf das, was als Nächstes
kommt. Jetzt kann ich mich an dem freuen, was ich heute habe. Und ich
bin dankbar für alle Möglichkeiten im "Hier und Jetzt".
MBH:
Im Song "Wonderful Wonder" thematisierst du auch deine eigene
Blindheit. Was denkst du darüber, dass das Erste was deine Augen
je sehen werden, Jesus sein wird?
Ginny Owens: Das ist ein überwältigender Gedanke! Er
ist fast zu groß, um ihn zu verstehen oder zu beschreiben. Ich kann
mir nicht vorstellen, wie es sein wird, mit meinen Augen zu sehen - und
dann auch noch Jesus selbst. Dieser Gedanke sprengt alles.
MBH: Im Song "Let the Silence Speak"
erzählst du uns davon, ruhig zu werden, um Gott zu hören. Gibt
es auch die Momente, in denen es dir schwer fällt, ruhig zu sein?
Ginny Owens: Wenn man viel beschäftigt ist, vergisst man schnell,
was wichtig ist und warum man bestimmte Dinge tut. Ich bin ein introvertierter
Typ. Also liebe ich es, allein zu sein, Frieden, Ruhe und Einsamkeit zu
haben. Aber das allein heißt noch nicht, dass ich die Stille besonders
mag. "Let the Silence Speak" ist ein Song für mich - aber
auch für meine Mitmenschen.

Der Song sagt weiter, dass es ein Kampf und unsere Entscheidung bleibt.
Es geht darum, dass ich etwas lernen muss. Ja, Gott ist dabei, mir klar
zu machen, dass wir immer auf eine Stimme hören. Wenn wir nicht auf
die richtige Stimme hören, dann werden wir unsere Impulse von den
falschen Stimmen bekommen. Wenn es nicht der Heilige Geist ist, der zu
unserem Herzen redet, spricht zwangsläufig jemand anderes zu unserem
Inneren.
MBH: Du bist viel auf Reisen. Gewöhnt
man sich daran?
Ginny Owens: In den vergangenen Jahren habe ich das Herumreisen
wirklich gehasst. Oft unterwegs zu sein, Veränderungen und die Tatsache,
dass ich immer andere Dinge um mich herum hatte. Es gibt da auch den Faktor
"Einsamkeit", wenn du unterwegs bist ...

Jetzt habe ich ein paar Menschen um mich herum, die mich unterstützen.
Wir sind ein echtes Team. Da kann ein Klima der Vertrautheit entstehen.
Dennoch bleibt es herausfordernd. Aber auch hier habe ich gelernt, mich
wohl zu fühlen, auch wenn es unbequem ist ...
|