|
»Ich bringe mein kaputtes, stotterndes Leben vor Gott, und er ist fähig, Musik daraus zu machen ...«

Jason Gray im Interview
by Russ Breimeier
ChristianMusicToday.com
Jason Gray, dessen Alben "Live Volume One: Hoping" (2003) und "The Better Part of Me" (2005) wir euch vor einiger Zeit ans Herz gelegt haben, hat mittlerweile Unterschlupf bei einem Label gefunden und dort soeben sein 2005er Album in neuem Mix und mit dem neuen Titel "All The Lovely Losers" wiederveröffentlicht. Zudem sah er sich gezwungen, seinen Nachnamen zu ändern. "Christianity Today" brachte kürzlich ein Interview mit dem Sänger, der sich für World Vision, Stotterer und "ninnies" stark macht. Wir veröffentlichen an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung eine deutsche Übersetzung. (Hinweis: Der Originaltext findet sich hier
...)
Russ Breimeier: Manche dürften dich als unabhängigen Künstler mit deinem Familiennamen in Erinnerung haben: Jason Gay.
Jason Gray: Richtig, einige machten sich Sorgen, er könnte meinen Dienst erschweren. Ich zögerte damit, etwas so Grundlegendes wie meinen Namen als Antwort auf die Kulturkriege zu ändern. Leider wurde es nötig, als man mir berichtete, man habe mehr gekriegt, als einem lieb sei, als man im Internet meinen Namen gesucht habe – es machte mir sehr Mühe, dass Kinder über anstössige Inhalte stolperten. Auch erhielten viele Leute keinen Zugang zu meiner Webseite oder meinen E-Mails, weil die Spam-Filter das Wort "gay" (dt. schwul) auf dem Index führen. Ein "r" einzufügen, schien eine einfache Lösung, darum bin ich dieses Jahr "grau" (= gray) geworden. (Lacht.)
Russ Breimeier: "All The Lovely Losers" ist dein offizielles Label-Debüt, nachdem du so lange unabhängig gewirkt hast. War es eine Frage des Timings, oder ging es so lange, bis du beachtet wurdest?
Jason Gray: Ich bin froh darüber [dass es eine Weile gedauert hat], denn mit Centricity habe ich eine Gruppe von tollen Leuten gefunden, die nicht daran interessiert sind, mich zu verändern, sondern mir einfach helfen möchten, in dem, was ich die ganze Zeit gemacht habe, effektiver zu sein. Für mich ist es eine von Gottes süssesten Gnaden, dass ich nach all meinen Jahren als Indie hier landen darf.
Russ Breimeier: Deine Musik ist seit je stilvermischend: Pop, Folk, Rock, sogar etwas Blues. Hast du das Gefühl, dass du in deinem Künstlertum Kompromisse eingehen musstest, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen?
Jason Gray: Ich musste mich mehr fokussieren. Es ist eine Frage dessen, wozu ich berufen bin und wo ich am besten dienen kann. Ich versuche, unaufdringlich intelligente Lieder zu schreiben, die nachdenkende Christen ansprechen. Aber ich versuche auch die zu erreichen, die nicht unbedingt nach Herausforderung aus sind; genau da, denke ich, kann ich am meisten bewirken. Ich bin bereit, mein Bestes zu geben, um die Leute da abzuholen, wo sie sind, mit Demut und Liebe, und um ihnen einen kleinen Schubs zu geben. Ich sehe mich gerne als freundlich subversiv.
Russ Breimeier: Wie hältst du das Gleichgewicht
zwischen dem Start einer Musikerkarriere in dieser Lebensphase und deiner
Rolle als Ehemann und Vater? Manche haben Schwierigkeiten damit, beides
in der Balance zu halten, wenn sie durchstarten.
Jason Gray: Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich's herausgefunden habe! Ich bin mehrere Jahre als unabhängiger Künstler unterwegs gewesen, aber seit ich bei einem Label bin, ist mehr Nachfrage da. Es ist ein Segen, dass ich eine Familie habe, die mich unterstützt. Meine Frau und meine Kinder sind meine grössten "Fürsprecher", und sie bringen grosse Opfer, um mir dabei zu helfen, dieser Berufung nachzukommen. Aber wir alle ziehen daraus Gewinn. Eine unserer grössten Passionen ist unsere Arbeit mit World Vision. Nach einem Konzert rufen meine Jungen jeweils an, um zu erfahren, wie viele Kinder unterstützt wurden. Wir teilen diese Siege als Familie, und es ist ihnen wichtig, dass ich unterwegs bin, um diesen Kindern zu helfen. Wir haben unseren Dienst über die Jahre als etwas aufgebaut, was wir gemeinsam tun. Die Hälfte der Zeit reisen sie mit mir mit. Ich denke, wir haben eine recht gesunde Balance.
Russ Breimeier: Du hast jahrelang mit einem Stottern-Problem gekämpft, aber dein Singen ist offensichtlich nicht davon betroffen. Wie hast du es überwunden?
Jason Gray: Die meisten Stotterer haben kein Problem beim Singen – es ist eine Sache des Atmens, anders als Sprechen. Was ich eigentlich überwinden musste, war Angst – die Angst, wie ein Idiot zu klingen! Ein Singer-Songwriter zu sein, heisst, dass ich zwischen Liedern Geschichten erzähle, und da kann ich mit meinem Stottern in Schwierigkeiten geraten. Ich habe allerdings beschlossen, das zu nützen, indem ich es in einen Gewinn [Asset] statt eine Belastung [Liability] kehre. Denn Gott hat versprochen, dies mit unseren Schwächen zu tun. Meine Sprech-Unfähigkeit, kombiniert mit meiner Gesangsbegabung, ist eine echt coole Metapher. Ich bringe mein kaputtes, stotterndes Leben vor Gott, und er ist fähig, Musik daraus zu machen.
Russ Breimeier: Welche Botschaft sollen die Hörer von "All The Lovely Losers" mitnehmen?
Jason Gray: Das Album handelt gerade von den Tugenden der Schwachheit und der wunderbaren Schicksalswende, die Gott den Zerbrochenen anbietet. Ich glaube, die meisten von uns sind wie Moses (ein berühmter Stotterer!): Wir stehen vor dem brennenden Busch mit einer langen Liste von Entschuldigungen dafür, warum Gott uns nicht soll gebrauchen können. Wir sind versucht zu glauben, dass unsere Schwächen, Handicaps und unser Versagen uns davon disqualifizieren, irgendetwas Bedeutendes in Gottes Reich zu tun. Aber die Bibel ruft nach einer anderen Beurteilung. Wenn es stimmt, dass Gottes Kraft in unserer Schwachheit zur Vollendung kommt, ist es dann nicht der Schwache, der im Vorteil ist? Meine Hoffnung ist es, dass gebrochene Menschen nach dem Hören meines Albums mit einer erneuerten Vision weitergehen, dass Gott gerade sie gebrauchen möchte.
Russ Breimeier: Auf welches Lied auf dem neuen Album bist du am meisten stolz? Und warum?
Jason Gray: "Grace" ist die Art Poesie, die ich am liebsten schreibe, mit einer Metapher zu spielen und zu sehen, ob sie etwas Neues zum Thema offenbart – in diesem Fall, indem ich mir vorstelle, Gottes Gnade sei ein Mädchen namens Grace (dt. Gnade), für das du nie gut genug sein kannst, aber sie nimmt dich auch so. Die Zeile, die mir jedes Mal einfährt beim Singen, geht so: "I am the cheating kind, but she's changing my mind / The way she takes me back though I fail her every time." Und genau das bewirkt Gnade, wenn wir uns ihr ausliefern – sie verändert uns.
|