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CCM-Rezis Exklusiv-Interview:

Von Chorälen, CDs und Christsein

Sarah Kaiser im Gespräch

Sarah KaiserIn unserem Magazin wurde bereits viel über sie geschrieben, nun können unsere Leser sie auch einmal selber "hören" - mit geistesgegenwärtigen Gedanken. Es hat sich einiges bei uns angesammelt, was wir die Sängerin schon immer mal fragen wollten:


Frage, David Decker, CCM-Rezis (D.D.):
Glückwunsch zur neuen CD, die uns Magazin-Mitarbeitern bereits hervorragend gefällt! - Woher kommt eure Cleverness und die Ideen, die Lieder genau auf diese Art umzusetzen? Z.B. die neue Melodie/Refrain zu "Ich lobe dich von ganzer Seelen"?

Antwort, Sarah Kaiser: Bei "Ich lobe Dich von ganzer Seelen" war es so, dass ich den Text von Hiller so toll fand und gerne auf der CD haben wollte, mit der Melodie aber nichts anfangen konnte. Deshalb habe ich einfach beschlossen, selbst eine zu komponieren. Mein Pianist und Produzent Sammy hat dann das Bandarrangement dazu geschrieben, und fertig war der Song! Und woher die Ideen kommen - nun, das ist unsere Hauptarbeit - Sounds, Grooves und Arrangements zu finden, die den alten Liedern auf den Leib geschnitten sind und trotzdem ganz neu und eigen klingen. Dabei schöpfen wir aus unseren Fähigkeiten, Erfahrungen, sind aber auch auf Hilfe von Oben angewiesen, was die kreativen Ideen angeht.

CCM-Rezis, D.D.: "Singt dem Herrn ein neues Lied" heißt es nicht nur in den Psalmen - worin liegt für dich dieses "Neu sein" - vor allem, wenn du mit deiner Band ja auch viele "Cover" spielst (seien es Choräle oder Jazz-/Gospelklassiker...)?
Sarah Kaiser: Zum Einen ist für mich die Art, wie ich die Choräle oder "Klassiker" singe auch neu, weil wir immer eigene Arrangements dazu schreiben und ich sie sehr individuell, auf meine Art, singe.

Zum Anderen singe ich ja auch eigene Songs und will vor allem auch in Zukunft noch mehr eigene Sachen schreiben. Das "neue" Lied muss meiner Meinung nach aber auch nicht immer gleich aufgenommen werden - ich singe auch beim Lobpreisen für mich allein manchmal ganz neue, improvisierte Lieder. Nur werden die nicht gleich zu einem "Song", der an die Öffentlichkeit kommt.

CCM-Rezis, D.D.: Du hast bereits auf zahlreichen CD-Projekten mitgewirkt und mit etlichen Studiomusikern zusammengearbeitet - gibt es da irgendeinen Unterschied zum Zusammenspiel mit deiner eigenen (Live-) Band?
Sarah Kaiser: Total. Mit der eigenen Band bin ich seit Jahren regelmäßig auf Tour, wir haben schon so oft zusammen gespielt, dass ein Vertrautheit da ist, die uns musikalisch offen macht und hilft, dass wir alle entspannen können. Da ist das Spielgefühl ein ganz anderes. Ausserdem spiele ich mit meiner Band ja meine Musik. Wenn ich bei anderen Produktionen als Gast-Solistin mitwirke, singe ich ja fast immer andere Songs, die auch oft gar nicht so 100%ig meiner Stilistik entsprechen. Da geht es dann sehr darum, zu interpretieren, zu gucken, wie ich den vorgegebenen Song am Besten gestalten kann. Aber mir fehlt dann oft das "live" spielen, die Interaktion mit den anderen Musikern. Das hatte ich bisher nur selten bei anderen CD-Produktionen. Spannend ist es allerdings, mit neuen Musikern zusammen zu arbeiten - das kann auch sehr inspirierend sein!

CCM-Rezis, D.D.: Hast du ein Lieblingslied von deinem neuen Album "Geistesgegenwart" bzw. einen Lieblingstext? - Und was ist dein/euer Hauptanliegen mit diesem Werk?
Sarah Kaiser: Das ändert sich bzw. hat sich jetzt für mich noch nicht so rauskristallisiert. Jeder Song spricht ja auch andere Bereiche an. Toll finde ich "Zieh ein zu Deinen Toren", weil die Aufforderung, Liebe statt Streit zu leben, so hochaktuell und lebensnah ist. Und Gerhardt ist mal wieder ein Wortmeister in diesem Song. "Lobe den Herren" macht mir sehr Spaß, weil es so ein Party-Song und gleichzeitig musikalisch ziemlich herausfordernd ist. Aber die Songs müssen sich erst mal live bewähren, dann kann ich dazu mehr sagen.

Was das Anliegen angeht: jedes mal, wenn wir ein altes Kirchenlied, das schon für Generationen (!) von Christen Bedeutung hatte, Glauben gestärkt und Trost gespendet hat, in unserer musikalischen Art spielen ist das für mich, wie einen Schatz zu heben. Im ersten Moment kann man noch gar nicht ermessen, was für eine Kostbarkeit sich dahinter verbirgt. Erst der intensive Umgang mit den Texten und der Musik bringt die Inhalte näher, macht die Songs lebendig. Durch die Arbeit an und mit diesen Liedern eröffnen sich mir geistliche Wahrheiten, die mich verändern. Und das Publikum auch, da bin ich mir sicher. Das ist spannend und die Arbeit wert.

Sarah KaiserCCM-Rezis, D.D.: Du konntest als Gründerin und Leiterin des "Soul2Soul"-Chorprojektes viele junge Menschen prägen - inwiefern wurdest du durch sie und das Projekt geprägt bzw. beeinflußt?
Sarah Kaiser: Ich habe mehr über mich gelernt, wie ich auf Menschen wirke, wenn ich leite. Ich wurde herausgefordert, so fair und gerecht zu sein wie möglich, nicht zu bevorzugen. Im Chor mussten wir alle lernen, Konflikte anzusprechen und zu klären, damit die Arbeitsatmosphäre nicht leidet. Beeindruckt hat mich, wie sehr die Arbeit im Chor Einfluss auf einzelne Mitglieder hatte, sie in ihrem Erwachsenwerden geprägt hat. Meistens positiv - sie sind selbstbewusster, mutiger geworden, musikalisch fitter - und das ist natürlich toll. Das ist eine Ermutigung für mich gewesen, und ich habe erkannt, dass ich in dem Bereich eine Aufgabe und auch Gabe habe.

CCM-Rezis, D.D.: Kannst du uns Gründe für das Ende von "Soul2Soul" nennen? - Gibt es schon neue Pläne oder steht erstmal eine verdiente Erholungspause an?
Sarah Kaiser: Zweites stimmt. Ich finde es wichtig, jetzt erstmal einen Cut zu machen, nicht gleich schon die nächsten Sachen zu planen. Es gab verschiedene Gründe für den Abschluss. Zum Einen gab es in Marzahn, wo der Chor gegründet wurde und geprobt hat, einige Abschiede und Veränderungen, Christine Thumm, die den Chor in den letzten Jahren gemanagt hat, zieht im Frühjahr um und beendet ihre Arbeit in Marzahn. Dann hatte ich im letzten Jahr immer weniger Zeit für den Chor, da ich oft auf Tour war und beschäftigt mit CD-Aufnahmen. Ich war unzufrieden mit dem, was ich geben konnte, hatte nicht mehr das Gefühl, genügend frische, neue Impulse an den Chor weiter geben zu können. Da ich wusste, dass es bei mir zeitlich in 2007 nicht besser wird, da wieder mehrere Touren anstehen, war dies ein guter Zeitpunkt, um einen Schlusspunkt zu setzen.

CCM-Rezis, D.D.: Im Herbst 2004 habe ich dich live in Berlin gesehen, mit Chor und auch im Jazz-Club. Mich würde interessieren: Wo hast du inzwischen mehr Auftritte - in Gemeinden oder in Clubs? - Bucht man inzwischen selbstverständlich die Jazz-/Soul-Künstlerin Sarah Kaiser, oder ist es schwierig in (Jazz-) Clubs reinzukommen?
Sarah Kaiser: Dadurch, dass "Gast auf Erden" so ein großer Erfolg war und unsere neue CD "Geistesgegenwart" wieder neu arrangierte Kirchenlieder enthält, kommen mehr Anfragen aus dem kirchlichen Bereich. Sich ein Standing in der deutschen Jazz-Szene zu erarbeiten verlangt viel Hartnäckigkeit, Ausdauer, und auch Glück. Mir hat in den letzten Jahren die Zeit dafür gefehlt. in der Zukunft möchte ich aber gerne auch mehr in diesen Bereich gehen - Kultur- und Jazzfestivals, Clubs. Mal sehen.

CCM-Rezis, D.D.: Du warst kürzlich in Aserbaidschan und Saudi-Arabien unterwegs - hat man sich da auch die "deutschen" Lieder angehört oder hast du auf ein englischsprachiges Programm umgestellt?
Sarah Kaiser: Aufgrund der Sprache, und in Saudi-Arabien auch aus Glaubensgründen, war Englisch an der Tagesordnung, auch für die Songauswahl. In Aserbaidschan war ich sowieso mit dem Vokal-Jazz-Quartett Berlin Voices, und wir haben nur englische Songs im Repertoire. Aber in beiden Ländern gab es immer ein paar wenige Deutsche im Publikum, und für die hatten wir dann immer ein paar wenige deutsche Songs im Gepäck.

CCM-Rezis, D.D.: Kannst du irgendwelche Eindrücke schildern, wie man in diesen islamisch geprägten Ländern eine junge Frau aus Deutschland sieht, die Sängerin ist und noch dazu an den christlichen Gott glaubt? - Gab es irgendwelche Probleme, Überraschungen, ...?
Sarah Kaiser: In Saudi-Arabien war ich ja mit meiner Band und den Miracles-Programm, also Jazz, aber darunter auch eigenen Songs, die auch von meinen Erfahrungen mit Gott erzählen. Aber ich habe dort nicht evangelisiert. Das ist dort strikt verboten. Trotzdem gab es ein paar wenige Menschen, die mich nach dem Konzert auf meinen Glauben angesprochen haben. Das waren meist Christen, die sich sehr vorsichtig bei mir bedankt haben für mein "Teilen". Für sie ist das dort eine totale Ermutigung gewesen. Das war schon sehr spannend. Bei der Einreise wurde ich am Flughafen beinahe nicht durchgelassen, weil die Grenzbeamten mich nicht zuordnen konnten - muslimische Frauen gehören dort in der Regel einem Mann - entweder ihrem Vater oder Bruder oder eben Ehemann. Das war aus meinen Unterlagen nicht ersichtlich. Als dann aber klar war, dass wir auf Einladung dort waren und ich mit Männern reiste - meinen Bandmitgliedern - ließen sie mich durch... war schon lustig und auch abenteuerlich.

CCM-Rezis, D.D.: Was sich in der islamischen Welt ändern müßte, darüber weiß man in Deutschland viel - aber was müßte sich eigentlich bei uns mal ändern - du kommst ja viel rum! - was brennt dir da auf dem Herzen?
Sarah Kaiser: Ich lebe in Berlin - dort wohnen allein knapp 138.000 Türken, die größte Minderheit in Berlin und größte türkische Enklave der ganzen Welt. In dieser ganzen Diskussion über die Ausbreitung des Islams glaube ich, die größte Herausforderung an uns Christen ist es, direkte, freundschaftliche Beziehungen zu Muslimen aufzubauen. Sie als Menschen zu sehen und Leben mit ihnen zu teilen, statt anzufeinden und auszugrenzen. Das ist auch für mich selbst eine Herausforderung.

Sarah KaiserCCM-Rezis, D.D.: Wie schaffst du es bei deinem Künstlerdasein dich gemeindlich zu engagieren - ist es für dich eher Erholung, "Fallenlassen" und Auftanken oder bist du auch als Mitarbeiterin vor Ort irgendwie engagiert in Berlin?
Sarah Kaiser: Beides. Ich genieße es oft, in meiner Gemeinde einfach nur zu "sein" und nicht machen zu müssen, leite aber seit einer Weile auch wieder ein Lobpreisteam. Es liegt mir auf dem Herzen, die Musiker und Lobpreiser der Gemeinde zu schulen.

CCM-Rezis, D.D.: Das Thema um das 'Warum und Wohin der christlichen Musik- und Kulturszene' kocht immer mal wieder hoch in deutschen Landen: Würdest du dabei der Aussage zustimmen, daß diese Diskussion völlig normal ist und in Verbindung mit dem Generationenkonflikt steht?
Sarah Kaiser: Den Generationenkonflikt bringe ich damit nicht Verbindung. Ich finde es gut, darüber nachzudenken, wie sich die christliche Musik- und Kulturszene gestaltet und gebärdet. Wichtig ist dabei der kritische Blick von weiter weg, von Außen.

CCM-Rezis, D.D.: Und zum Schluß ein Ausblick: Welche Herausforderung(en) würdest du für deutschsprachige, geistliche Popularmusik in Anbetracht der immer kleiner werdenden jungen Generation [demograph. Wandel] sehen? Woher kommen in Zukunft Aufbrüche und Kreativität?
Sarah Kaiser: Von jedem Einzelnen, der sich dazu herausfordern lässt. Wichtig ist, dass wir selbst machen, dass wir nicht alle an den Computern versauern, sondern aktiv mit Körper, Herz und Verstand und den eigenen Händen selbst schaffen. Ich finde wichtig, dass das aktive Selber-Machen mehr gefördert wird unter Kindern und Jugendlichen. Dann gibt es auch eine Zukunft für die besagte Pop-Musik.

CCM-Rezis, D.D.: Vielen Dank für das Gespräch!



—Interview: David Decker für CCM-Rezis, Januar & Februar 2007

Erscheinungsdatum online:
12.3.2007
Redakteur(e): David Decker für CCM-Rezis

weitere Rezensionen - siehe Sarah Kaiser–Künstlerseite >>
 


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