Neal
Morse
"testimony live" (2DVD)

( 2004 Radiant; InsideOut / 'Plattenläden';
online )
Neal Morse ist seit einigen Monaten in aller Munde. Bei
den Insidern und Freaks im Bereich des Progressive Rock sowieso, aber
auch immer mehr in den "Mainstream" hinein. Ein Grund dafür sind seine
außergewöhnlichen musikalische Talente und Leistungen. Hauptsächlich gilt
ihm aber Beachtung wegen seiner - für viele etwas überraschenden - Hinwendung
zum christlichen Glauben. Neal Morse ist seit einiger Zeit praktizierender
Christ und nimmt diese neue Beziehung zu seinem Herrn auch sehr ernst.
So ernst, daß er gleich aus seiner erfolgreichen Band "Spock's Beard"
ausstieg und seitdem solo unterwegs ist. Außerdem teilte er einigen verdatterten
Medienleuten mit, es sei Gottes Wille gewesen so zu handeln. Leute aus
diesem Berufszweig haben meist (so will es auch das Klischee...) wenig
mit Religiosität, noch weniger mit ernsthaft gelebten christlichem Glauben
am Hut. So ist es durchaus verständlich, daß so erstaunt auf eine derart
natürlich gelebte Religiosität reagiert wird, die in der heutigen Zeit
in solchen Bereichen selten geworden zu sein scheint?!? Wenn Experten
jedoch behaupten, daß 21. Jahrhundert sei das Zeitalter der Religion,
so ist man nicht erst durch zunehmenden islamischen Terror geneigt, dies
zu glauben, sondern auch dadurch, daß sich immer mehr Wissenschaftler
und eben auch Künstler verschiedenster Couleur dem christlichen Glauben
zuwenden.

Auf jeden Fall hat Neal Morse
2003 mit seinem ersten christlichen Konzeptalbum und insgesamt dritten
Soloalbum "testimony"
einen Meilenstein innerhalb des progressiven Rock vorgelegt, der auch
weit in die normale Pop-Rock-Szene Beachtung fand und findet. An die Veröffentlichung
dieses intensiven Doppelalbums folgte natürlich eine kurze Tournee in
Amerika - aber auch in Europa. Neal mußte sich dafür extra eine Band zusammenstellen,
denn er hatte ja keine eigene mehr... So ließ er seine Beziehungen in
die Szene spielen und konnte letztlich hochkarätige Musiker wie Mike Portnoy
von Dream Theater (Schlagzeug, Background-Gesang), Eric Brenton (Gitarre,
Violine, Flöte, Steel-Gitarre, Mandoline, Gesang), John Krovosa (elektrisches
Cello), Bert Baldwin (Keyboards, Background- und Lead-Gesang), Randy George
(Bass, Keyboads, Background-Gesang), Mark Leniger (Percussion, Saxophon,
Background-Gesang) sowie Rick Altizer (Gitarre, Keyboards, Percussion,
Background- und Lead-Gesang) für dieses Projekt gewinnen. Rick Altizer
ist ja auch bekennender Christ und sogar Anbetungsleiter und er ist sozusagen
das Bindeglied an die traditionelle christliche Musikszene in den USA.
Rick paßt auch hervorragend in das musikalische Konzept, denn als äußerst
kreativer und talentierter Multi-Instrumentalist (genau wie Neal selbst!)
bereichert er den Sound ohnehin sehr passend. Außerdem konnte er sich
hier voll austoben in seinem Element, was ihn bei manchen christlichen
Labels bisher verwehrt blieb...

Daß so ein Konzertevent für die Nachwelt erhalten bleiben sollte, war
den Machern wohl irgendwie von Anfang an klar, also erschien im Sommer
2004 die DVD "testimony live". Es ist ein ganz besonderer Mitschnitt geworden,
wurde doch das komplette Doppelalbum "testimony" in Original-Songreihenfolge
aufgezeichnet und somit auch ein komplettes Konzert der Tournee! In diesem
Falle fand die Session am 17. November 2003 im Niederländischen Tilburg
statt. Neal und die Band sprühen vor Spielfreude und Begeisterung, was
sich schnell auf die Zuhörer überträgt. Das Energiebündel schlechthin
ist jedoch der "Chef" selbst: Es ist eine wahre Pracht, wie er an den
Keyboards, Gitarren, am Mikro und sonstigen Instrumenten hin- und herfegt
wie ein Wirbelwind. Er hat die Gabe des Unterhalters und kann mitreißen
ohne zu manipulieren. Dazu kann er es auch mal "laufen lassen" und besitzt
dazu einen gesunden Humor. So schaut man sich das mehr als dreistündige
Konzert gerne an und es wird nicht langweilig. Neals Stimme erinnert bisweilen
etwas an die von Rich Mullins, wenn stilistisch zwischen beiden auch Welten
liegen. War Rich ein begnadeter und "ruhiger" Liedermacher, so hat Neal
zwischen Hard-Rock, Reggae, Pop und Jazz nahezu alles drauf, was die Musikgeschichte
hergibt.

Jedes Lied versteht er als ein Kunstwerk in sich, dementsprechend sind
sie arrangiert und instrumentiert - sowie sehr lang ;-) Man könnte
denken, daß Studioequipment von "testimony" wurde alles auf die Bühne
gekarrt, um dem Fan zu zeigen, was alles so drinsteckt in der Klangcollage.
Wer bisher wenig oder gar nichts mit progressiver Rockmusik anfangen konnte,
braucht auf jeden Fall eine Eingewöhnungszeit. Aber die DVD macht auch
so Spaß. Irgendwann hat man das "Prog-Prinzip" verstanden, denn erklären
kann man es kaum. Aber deshalb gibt es ja wohl auch diese Doppel-DVD...
Neben den 29 (!) Album-Stücken, die auf der ersten DVD Platz fanden, steckt
noch ein zweiter Silberling im Schuber, der die Zugaben und weiteres Bonus-Material
enthält. Die Zugaben sind eine Hommage an Neals langjährige Fans, sind
es doch zwei Stücke seiner ehemaligen Nebenband Transatlantic ("we all
need some light"; "stranger in your soul") sowie eines seiner ex-Hauptband
Spocks's Beard ("the light").

Die Bonus-Sachen haben es dann noch einmal in sich: Eine rund 67-minütige
Tour-Dokumentation berichtet kurzweilig mit verschiedenen Impressionen
von den Tourneeorten in Amerika und Europa. Neal führt mit Zwischenansagen
und Erläuterungen durch's "Programm" - praktisch ein 10-tägiges Video-Tagebuch.
Es werden die Musiker porträtiert, man sieht einige witzige Konzertausschnitte,
viel Backstage-Material usw.. Außerdem kann man kurz ein Band-Gebets-Treffen
miterleben sowie den Spaß und Humor aller Beteiligten, was eine große
Lebensfreude vermittelt. Hat man das alles miterlebt, gibt es als Abrundung
des Ganzen noch über 80 Photos als durchlaufendes Album zu sehen, die
allesamt auf der Tournee geschossen wurden.

Nach so viel Lob und Begeisterung des Rezensenten, wird nun die große
Minuskiste aufgemacht, oder was? Keine Panik, für mich hat dieses und
auch das 2003er Doppelalbum jeweils nur ein großes Manko: Die Liedtexte
fehlen. Weder stehen sie im Booklet, noch gibt es sie als Untertitel im
Video und auch im Internet bisher Fehlanzeige. So wird das inhaltliche
Anliegen, daß Neal nämlich Zeugnis von seiner Lebens-Reise ablegt, wie
er zu Jesus Christus als seinen Retter fand, schlecht bis gar nicht nachvollziehbar.
Deutschsprechende Mitteleuropäer bekommen von den Inhalten kaum etwas
mit. Dies gilt leider auch für die ansonsten starke Tour-Dokumentation.
Das DVD-Booklet bietet schöne Hochglanz-Photos der Musiker, aber außerdem
nur eine kurze Einführung von Neal und die nötigsten Credits. Dafür ist
die Video-Disc wenigstens ohne Regionalcode, hat aber auch nur Dolby Digital
2.0 Sound und keinen 5.1. Wobei letzteres gut zu verschmerzen ist, da
der Sound insgesamt sehr füllig ist und das live-Feeling authentisch rüberkommt.
Die Bildqualität ist erstklassig. Meine Empfehlung lautet daher: Einen
großen Bildschirm und eine gute Soundanlage garantieren hier erst ein
wirkliches DVD-Erlebnis!

Fazit: Christliche Musik einmal ganz anders - stilistisch und inhaltlich.
Diese DVD ist ein Meisterwerk in ihrem Genre, man kann hier ein begnadetes
Musikerensemble auf einem ausgiebigen Konzert erleben und bekommt sogar
noch jede Menge Eindrücke, was hinter den Kulissen abgeht. Wären die Textaussagen
mit an Bord, könnte man von einer perfekten Kollektion sprechen, doch
auch so bleibt dieses DVD-Set eine absolute Kaufempfehlung.
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